Flüchtlinge Endlich angekommen

Ashiqullah Safi (rechts) und Florian Schoeppe am Küchentisch in der gemeinsamen Wohnung: Seit ein paar Wochen wohnen sie zusammen.

(Foto: Michael Gottschalk/photothek.net)

Flüchtlinge müssen lange warten, bis sie in Deutschland ein neues Zuhause finden. Anna und Florian Schoeppe hatten ein Zimmer frei. Als sie Safi Ashiqullah kennenlernten, war klar: Der kann bei ihnen einziehen.

Von Katrin Langhans, Berlin

Als sich Ashiqullah Safi und Florian Schoeppe zum ersten Mal trafen, wussten sie noch nicht, dass sie wenige Monate später zusammenziehen würden. Es war ein schwüler Tag, es war laut und chaotisch, ein paar Dutzend Helfer versuchten Hunderte Flüchtlinge vor der Erstaufnahmestelle in Berlin zu koordinieren. Ashiqullah Safi, 32, geflohen aus Afghanistan, übersetzte für die Neuankömmlinge. Florian Schoeppe, 31, Rechtsreferendar, verstaute und verteilte ehrenamtlich Klamotten. Die beiden wechselten nur ein paar belanglose Sätze, sympathisch aber waren sie sich aber auf Anhieb.

Fünf Monate später sitzt Safi am Esstisch im Wohnzimmer, der Fernseher läuft. Man sieht Hunderte Flüchtlinge, die in Zelten auf dem Boden liegen, sieht Flüchtlinge in Massen die österreichische Grenze überqueren, sieht Boote auf dem Mittelmeer. Safi schaut weg. Im Fernsehen läuft jetzt ein bayerischer Bürgermeister, der sagt, er weiß nicht mehr wohin mit all den Menschen. Die Erstaufnahmeeinrichtungen sind voll, die Notunterkünfte sind voll. Wo sollen die Frauen und Kinder schlafen im Winter? Auf der Straße?

Safi, kurze schwarze Haare, nussbraune Augen, steht auf, schaut nach der Gemüsesuppe in der Küche, in der Wohnung, die seit ein paar Wochen sein neues Zuhause ist. Sein Schritt ist leise und unauffällig, fast hört man ihn nicht. Zuvor hat sich Safi mit 22, später mit zehn Flüchtlingen ein Zimmer geteilt. In einer Notunterkunft, wo nachts immer einer geschnarcht, geweint oder sich lautstark umgedreht hat, und Safi nächtelang wach lag. "Warum schläfst du nicht einfach. So wie die anderen?", wollten die Sozialarbeiter wissen. "Es ist so laut", hat Safi geantwortet.

"Können wir das?", haben sich Florian Schoeppe und seine Frau Anna gefragt. Können wir mit Anfang 30 noch mal einen Fremden aufnehmen? Aber sie dachten auch an die vielen jungen Flüchtlinge, die es schwer haben ein Zimmer zu finden, die lange warten müssen, bis sie sich im fremden Land wieder ein wenig zu Hause fühlen können. Sie dachten daran, dass eines ihrer Zimmer eigentlich entbehrlich ist, weil Anna unter der Woche auswärts arbeitet. Lange blieb das so nur ein Gedanke.

Dann sahen sie in der Tagesschau einen Bericht über die Initiative "Flüchtlinge Willkommen", die Vermieter und Flüchtlinge zusammenbringt und bei organisatorischen und rechtlichen Fragen weiterhilft. "Da gab es keine Ausrede mehr", sagt Schoeppe. Sie fassten den Entschluss, es zu versuchen. Sie lernten Safi einen Nachmittag lang kennen, unterhielten sich über Politik und das Leben. Danach war klar: Es passt.

Safis Mietvertrag ist unbefristet, die Kosten übernimmt die Stadt Berlin. Wie lange er bleiben kann, weiß er noch nicht, sein Asylverfahren läuft noch.

Einige Klamotten, Turnschuhe und sein Wörterbuch - mehr hatte er nicht

Florian holt weiße Teller aus dem Schrank und stellt sie auf den Tisch. Oft ist das so. Safi kocht, Florian kommt von der Arbeit und deckt, sie essen zusammen. "Es ist etwas ganz anderes, ob man vom Leid der Menschen weiß, oder ob jemand einem beim Abendessen erzählt, was er erlebt hat", sagt Florian. Safis Flucht hat Wochen gedauert, er saß in dunklen Zimmern, hockte in einem dunklen Laster, schlief auf dunklen Straßen. Zurückgelassen hat er Freunde und Familie. Er telefoniert oft mit seinem Cousin, einem Arzt aus Kabul, der erzählt, er habe Angst hat vor die Tür zu gehen, wegen der Explosionen.

Als Safi bei Florian eingezogen ist, hatte er nicht viel. Ein paar Klamotten, Turnschuhe und sein Wörterbuch Deutsch/Englisch, auf dem in Großbuchstaben sein Name steht. "Ich wollte nicht, dass es in der Notunterkunft verloren geht", sagt Safi. Bei dem Rummel sei es schwer gewesen, die Dinge nicht zu vertauschen. Er erinnert sich nicht gern an die Zeit. "Am schlimmsten ist das Warten", sagt er. Warten, dass jemand das Licht wieder ausschaltet, warten bis es Essen gibt, warten auf Asyl.

Safi ist nicht gut im Warten. Schnell hat er sich eingebracht. Er hat selbst Essen ausgeteilt und für andere übersetzt. Das hat er auch jahrelang in seiner Heimat für ausländische Hilfsorganisationen gemacht, weil er als studierter Chemiker keine Stelle fand. Safi spricht die persische Sprache, Urdu, Englisch, Arabisch und mittlerweile auch recht gut Deutsch. "Die Taliban haben mir Drohbriefe geschickt, weil ich ausländischen Organisationen helfe", sagt Safi. Da entschloss er sich, sein Land zu verlassen.

In Deutschland ist er angekommen, auch wenn er erst seit Februar hier lebt. Die Malteser, für die er ehrenamtlich in der Notunterkunft übersetzt, haben ihm eine bezahlte Stelle als Übersetzer angeboten, den Vertrag hat er unterschrieben. "Wir sind gar nicht so verschieden", sagt Schoeppe. Sie sind beide jung, studiert und wollen Fuß fassen in der Arbeitswelt.

Nur manchmal merkt man die kulturellen Unterschiede. Safi sagt meistens "Ja", lehnt nichts ab, ist sehr dankbar. "Ich sage ihm immer, er darf ruhig widersprechen", sagt Schoeppe. "Ich will ja nicht, dass er sich verpflichtet fühlt, mit mir ins Kino zu gehen oder irgendetwas zu essen, was er nicht mag." Aber das würde sich schon noch einpendeln. Schoeppe ist froh, dass er sich für Safi als neuen Mitbewohner entschieden hat. Safi geht, das mag seiner Höflichkeit geschuldet sein, sogar noch einen Schritt weiter, wenn er sagt: "Florian ist für mich wie ein Bruder geworden."