Flüchtlinge "Die wollen arbeiten und Geld verdienen"

Ein Flüchtling schraubt an einem Wasserrohr. Im Dezember waren mehr als 11 300 Menschen aus den acht Asylländern als Leiharbeiter beschäftigt.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Jede vierte Zeitarbeitsfirma hat Erfahrungen mit Geflüchteten gesammelt. Sie erledigen vor allem Hilfsarbeiten.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Der Erfurter Unternehmer Helmut Meyer hat inzwischen sogar eine "Willkommenszentrale". 1500 Mitarbeiter aus 36 Nationen beschäftigt der Chef der Zeitarbeitsfirma Geat, die ihre Arbeitskräfte an andere Firmen verleiht. Etwa 200 darunter sind Flüchtlinge. Mitarbeiter der Willkommenszentrale gehen mit ihnen zu Behörden, suchen ihnen eine Bleibe zum Übernachten oder helfen, sich bei der Krankenkasse anzumelden.

Meyers Firma gilt in Thüringen als Vorzeigeunternehmen für die Integration von Geflüchteten. "Die wollen arbeiten und Geld verdienen", sagt er. Der Erfurter Arbeitgeber ist in seiner Branche aber keine Ausnahme. Immer mehr Flüchtlinge aus den acht zugangsstärksten Asylländern (Eritrea, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan, Syrien) finden einen Job als Leiharbeiter. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren Ende Dezember 2014 etwa 5800 Arbeitskräfte aus diesen Ländern als Leiharbeiter beschäftigt. Im Dezember 2016 waren es bereits mehr als 11 300, ein Plus von 95 Prozent. Über alle Branchen hinweg ist der Anstieg nicht ganz so stark: Insgesamt erhöhte sich die Zahl aller Arbeitskräfte aus den acht Asylländern in den zwei Jahren um 85 Prozent auf knapp 131 000.

Jeder vierte Zeitarbeitsbetrieb hat bereits Erfahrungen mit Geflüchteten gesammelt. Geflüchtete hätten bei Zeitarbeitsfirmen "gute Beschäftigungsperspektiven", heißt es in einer Analyse der Nürnberger Arbeitsbehörde mit dem Titel "Fluchtmigration". Dies sei auf die vergleichsweise hohe Fluktuation in der Branche zurückzuführen. Es dürfte aber auch daran liegen, dass viele Leiharbeiter Hilfsarbeiten in der Wirtschaft übernehmen, und gerade danach fragen die Geflüchteten. "Mehr als drei Fünftel aller arbeitslosen Geflüchteten suchen eine Tätigkeit auf Helferniveau", stellt die BA fest. Sie schätzen ihre Kompetenzen damit offenbar richtig ein. Fast zwei Drittel der arbeitslosen Geflüchteten kämen nur für Helfertätigkeiten infrage, "weil sie häufig noch nicht gut genug deutsch sprechen, zu jung sind, um einen Beruf erlernt zu haben oder noch keinen anerkannten formalen Berufsabschluss vorweisen können", heißt es in dem Bericht der Bundesagentur.

Geflüchtete als Leiharbeiter, diesen Trend bewertet eine Sprecherin des Bundesarbeitsministerium positiv: "Die Leiharbeit bietet eine erste Möglichkeit, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen." Es liege nahe, "dass gerade für Ausländer die in dieser Zeit erworbenen Sprachkenntnisse und Kontakte, das Kennenlernen der deutschen Unternehmenskultur oder der Abbau von Informationsunsicherheiten von Vorteil sein können", heißt es dazu in einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Über diese Kanäle könne auch die Suche nach einem Job außerhalb der Zeitarbeitsbranche gelingen.

Das ist aber schwer: Bei Meyer haben dies bislang nicht einmal zehn Prozent der Geflüchteten geschafft. So merkt Alexander Spermann, Arbeitsmarktexperte an der Universität Freiburg, an: Es sei wichtig, sich als Leiharbeiter möglichst berufsbegleitend weiter zu qualifizieren, um nicht dauerhaft als Helfer arbeiten zu müssen. Der Erfurter Unternehmer Helmut Meyer hat jedenfalls mit Flüchtlingen positive Erfahrungen gemacht: "Wenn sie sechs Wochen arbeiten, lernen sie mehr Deutsch als in einem dreimonatigen Sprachkurs", sagt er.