Fleischkonsum Turbo-Huhn in 17 Tagen

Tiefgefrorene Hühner auf einer Farm in Kinston in den USA.

(Foto: REUTERS)
  • Genmanipuliertes Futter, der Einsatz von Antibiotika und Kreuzungen haben in den USA zur Züchtung von riesigen Drei-Kilo-Hühnern geführt.
  • Immer öfter sind die Riesenbrüste der Tiere jedoch ungenießbar. Die Industrie ist beunruhigt.
Von Claus Hulverscheidt

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie er wohl aussah, der Horror-Vogel, dem dieser mächtige Vorbau einst gehörte. Groß wie Bullenherzen sind seine Brüste, die in einem New Yorker Supermarkt zum Verkauf ausliegen, mächtig wie ein Schweinehintern oder die Pranken von Manuel Neuer. Mehr als ein Kilo wiegt das Paar, so viel wie einige Züchtergenerationen zuvor ein ganzes Huhn. Selbst im fleischverrückten Amerika wird eine Familie von solch einer Mahlzeit satt - für ganze fünf Dollar.

Über Jahrzehnte haben Landwirte, Veterinäre und Biotechniker in den USA die Hühnermast mit immer neuen Methoden auf die Spitze getrieben: Durch Selektion, Kreuzung, genmanipuliertes Futter und den Einsatz von Antibiotika wurden die Tiere größer, schwerer und immer schneller tellerfertig. Schlachtreife Hühner wiegen heute mit drei Kilogramm doppelt so viel wie Anfang der 1960er-Jahre, die modernsten Schöpfungen kommen auf fünf Kilo und mehr. Eier legen diese Tiere längst nicht mehr, sie sind ausschließlich auf die Fleischproduktion getrimmt. Fast neun Milliarden von ihnen werden Jahr für Jahr allein in den USA geschlachtet.

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Riesenbrüste sind mittlerweile ungenießbar

Nun jedoch sind die Supermäster womöglich an ihre Grenzen gestoßen, denn immer öfter sind die Riesenbrüste ihrer Kreaturen ungenießbar: Verödete Muskelfasern durchziehen das Fleisch und lassen es knorpel-, leder- oder gummiartig werden. "Woody breast" - holzige Brust - haben die Amerikaner das Phänomen getauft. Laut Branchenverband NCC ist der Verzehr der Filets zwar nicht gesundheitsschädlich. Test-Esser berichten jedoch, die betroffenen Teile seien "zäh", "elastisch" und ließen sich "kaum kauen".

Noch rätseln die Fachleute über die Ursachen. Als ein möglicher Grund gilt die erzwungene Turbo-Evolution von Hühnern und Futtermitteln. Auch die Tatsache, dass viele industrielle Mäster weltweit Küken aus einigen wenigen Zuchtlinien einsetzen, könnte eine Rolle spielen. "Wir wissen nicht, warum vor allem das Fleisch großer Tiere manchmal hart und holzig statt zart und saftig ist, ob die Gründe genetischer Natur sind oder mit der Ernährung zu tun haben", hat Don Waldrip vom Pharmakonzern Zoetis jüngst dem Fachmagazin Poultry Health Today erklärt - und unumwunden eingeräumt: "Niemand möchte ein zähes Huhn essen."

Die Probleme werden kleingeredet

Für die Industrie kommen die Probleme zur Unzeit, denn sie steht wegen ihrer Art der Tierhaltung und des massenhaften Antibiotika-Einsatzes ohnehin unter Druck. Sollten sich die Brustfilets der auf Höchstleistung getrimmten Hühner nun schwerer verkaufen lassen, wäre das ein weiterer Schlag. NCC-Sprecher Tom Super bemüht sich daher, die Schwierigkeiten kleinzureden: Nur ein kleiner Prozentsatz der Vögel sei betroffen, so Super, zudem investiere man eine Viertelmillion Dollar in die Erforschung der Ursachen - eine Summe, die gemessen am hohen zweistelligen Milliardenumsatz der Branche allerdings eher kläglich wirkt.

Eine Lösung des Problems könnte Experten zufolge darin bestehen, die Tiere wieder ein klein wenig langsamer zu mästen. Satte 100 Tage musste sich vor 90 Jahren ein Bauer gedulden, bis ein Huhn ein Kilogramm schwerer geworden war. Die Turbo-Nachfahren jener Vögelchen schaffen den gleichen Gewichtszuwachs heute in 17 Tagen.

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