Finanzstabilität Risiko: Deutschland

Nicht die Südeuropäer bedrohen die Finanzstabilität - sondern die großen EU-Staaten. Die Banken in Deutschland und Frankreich benötigen einer Untersuchung zufolge zusätzliches Kapital von bis zu 485 Milliarden Euro, um gegen künftige Finanzkrisen gewappnet zu sein.

Cerstin Gammelin, Brüssel, und Claus Hulverscheidt, Berlin

Die Banken in Deutschland und Frankreich benötigen nach einer wissenschaftlichen Untersuchung zusätzliches Eigenkapital in einer Größenordnung von bis zu 485 Milliarden Euro, um gegen eine Finanzkrise wie die jüngste künftig gewappnet zu sein. Anders als oft vermutet, stellen damit nicht die Problemländer in Südeuropa die größte Bedrohung für die Finanzstabilität dar, sondern ausgerechnet die beiden EU-Schwergewichte.

Die Geldhäuser in beiden Staaten hätten "einen extrem hohen Kapitalbedarf", sagte Sascha Steffen, Professor an der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin, der Süddeutschen Zeitung. Er hat zusammen mit seinem New Yorker Kollegen Viral Acharya die Stabilität von 109 der 124 Banken untersucht, die in diesem Jahr von der Europäischen Zentralbank (EZB) überprüft und einem sogenannten Stresstest unterworfen werden sollen.

Versteckte Bomben in Deutschland und Frankreich

Steffens Analyse deckt sich im Grundsatz mit der ranghoher europäischer Finanzaufseher. "Wenn noch Bomben versteckt sind, dann weniger in den vermeintlichen Problemländern als dort, wo bisher niemand nachgeschaut hat: in Deutschland, Frankreich und Italien", hieß es in Aufsichtskreisen. Es sei nicht auszuschließen, dass einzelne Banken erneut die Hilfe ihrer Regierung benötigten. Das könne vor allem in Italien zu Budgetproblemen führen und die Euro-Krise erneut anfachen.

Steffen und Acharya beziehen sich in ihrer Untersuchung auf Vorgaben der englischen Notenbank. Demnach fehlt den 109 Banken, deren Daten öffentlich zugänglich sind, Eigenkapital in Höhe von insgesamt bis zu 770 Milliarden Euro. Dabei weisen französische Institute mit 285 Milliarden Euro die größte Lücke auf, sowohl in absoluten Werten als auch gemessen am Bruttoinlandsprodukt.

Größestes Risiko: Landesbanken

Deutsche Banken folgen mit bis zu 200 Milliarden Euro auf Rang zwei. Die größten Risiken sieht Steffen bei den deutschen Landesbanken, wo noch immer überdurchschnittlich viele faule Wertpapiere in den Büchern stehen, etwa aus fehlgeschlagenen Schiffsfinanzierungen.

Auch die Wissenschaftler erwarten, dass eine ganze Reihe von Geldinstituten den Mangel an Eigenkapital nicht allein aus eigener Kraft wird decken können. Insbesondere Länder mit sehr schwachen Banken wie Zypern und Belgien, aber auch Italien und Spanien dürften auf Staatshilfen angewiesen sein, sagte Steffen. Auch in den Niederlanden und Belgien besteht nach seinen Untersuchungen ein erheblicher Kapitalbedarf.

Aber auch in Deutschland müsse bis zu ein Fünftel der benötigten Summe womöglich zunächst mit Steuergeld finanziert werden. Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen räumte beim Neujahrsempfang seines Instituts in Düsseldorf ein, dass einige Kreditinstitute vermutlich "nicht hinreichend mit Kapital ausgestattet" seien. Das Gros der Häuser habe aber Zugang zum Kapitalmarkt und könne sich die benötigten Mittel dort besorgen.

Steffen hingegen warnte, Deutschland und Frankreich könnten Einfluss auf die Ausgestaltung des EZB-Stresstests nehmen, "um zu verhindern, dass die Schwächen der eigenen Banken bekannt werden". Er verwies darauf, dass die Notenbank bereits mitgeteilt habe, dass sie - anders als zunächst angekündigt - Staatsanleihen nicht in die Tests einbeziehen wolle. In der Euro-Krise hat sich jedoch gezeigt, dass auch hier ein Ausfallrisiko besteht.