Finanzmärkte Sie übertreiben

Allein im Dax wurden seit Anfang des Jahres 190 Milliarden Euro vernichtet. Ist das übertrieben? Analysten sind sich einig, dass die Finanzmärkte die Lage derzeit schlechter zeichnen, als sie wirklich ist.

Von Harald Freiberger

Von "Panik" ist die Rede, das Wort "Crash" macht die Runde: An der Frankfurter Börse kann sich niemand an einen solch desaströsen Jahresstart erinnern. Ein Siebtel ihres Wertes haben die 30 Konzerne im Deutschen Aktienindex (Dax) seit Anfang Januar verloren. Sie sind jetzt noch 950 Milliarden Euro wert, 190 Milliarden Euro wurden vernichtet. Die größten Verlierer Deutsche Bank, VW und BMW büßten fast ein Drittel ihres Börsenwertes ein. Die Experten sind sich einig, dass die Finanzmärkte übertreiben. "Die Lage ist nicht so schlecht, wie sie derzeit erscheint", sagt Michael Bissinger, Aktienstratege der DZ-Bank. Das heißt aber nicht, dass die Kurse nicht weiter sinken können.

Was hat zu dem Absturz geführt?

Im Januar waren es vor allem die Sorgen um die chinesische Wirtschaft. Fällt das Wachstum dort geringer aus als erhofft, fehlt den Industrieländern der wichtigste Absatzmarkt der vergangenen Jahre. In der vergangenen Woche kam die Angst vor einer Rezession in den USA hinzu, ausgelöst durch Schwierigkeiten eines Gas-Förderunternehmens, das unter dem niedrigen Ölpreis leidet. Das infizierte zudem die finanzierenden Banken. "Die Märkte werden derzeit von Rezessionsängsten geplagt", sagt Markus Reinwand, Aktienmarktstratege der Landesbank Hessen und Thüringen. "Die harten Fakten spielen keine große Rolle." In solchen Phasen neigten die Investoren dazu, "über das Ziel hinauszuschießen".

Klarer Blick auf die Aktienwerte: "Die Lage ist nicht so schlecht, wie sie derzeit erscheint", sagt Michael Bissinger, Aktienstratege der DZ-Bank.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Ist die Lage wirklich so schlimm?

Viele Ökonomen betonen, dass sich an der Gesamtlage in den vergangenen Wochen nicht so viel geändert habe. Nur der Blick der Investoren darauf habe sich verdüstert. Experte Bissinger ist überzeugt: "Die große Angst vor einem abrupten Einbruch in China ist ungerechtfertigt." Die Regierung werde alles daransetzen, den Rückgang des Wachstums so zu steuern, dass es nicht zum Zusammenbruch komme. Und was den niedrigen Ölpreis betrifft: Seine Vorteile für Industrieländer und Verbraucher spielen überhaupt keine Rolle mehr. "Auch das ist ein Zeichen für eine Übertreibung", sagt Reinwand.

Handelt es sich um einen Crash?

Zuletzt tauchten mehrfach Vergleiche mit dem Jahr 2008 auf, als die Finanzmärkte kollabierten - besonders wegen der Sorge um die Rolle der Banken bei der Finanzierung von Ölfirmen. Viele Ökonomen betonten aber, dass die Dimension weit geringer sei als damals bei minderwertigen US-Immobilienkrediten. "Es droht kein Crash an den Finanzmärkten", sagt Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank. Aktien seien heute auch viel billiger als in den Crash-Jahren 1987, 2001 und 2008. Viele Investoren schauen bei der Bewertung von Aktien auf die Kennzahl des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV). Sie setzt den Preis der Aktie ins Verhältnis zum erwarteten Konzerngewinn je Aktie. Im Dax lag dieser Wert im langjährigen Durchschnitt bei 15,9. Im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt der Internetblase, notierte er über 30. Durch den Kursrutsch fiel das KGV zuletzt von über 15 auf elf. "Damit weist der Dax im historischen Vergleich eine Unterbewertung auf. Das gilt auch für die Börsen in ganz Europa und China", sagt Hellmeyer.

SZ-Grafik: Mainka; Quelle: Bloomberg

Wie sind die Aussichten?

Die Commerzbank hat ihre Prognose für den Dax zum Jahresende 2016 von 12 600 auf 11 200 gesenkt. Sie erwartet, dass sich das Gewinnwachstum der Konzerne auf etwa drei Prozent halbiert. "Das sei zwar eine Verlangsamung, aber nicht der totale Einbruch, den die Kurse inzwischen vorgeben", sagt Aktienstratege Markus Wallner.

Sind Aktien wieder attraktiv?

"Der Kurseinbruch der letzten Wochen hat dazu geführt, dass deutsche Aktien bei einer Reihe von Kennzahlen wieder attraktiv erscheinen", sagt Bissinger. Er erwartet zudem, dass die Zinsen in den USA nicht so stark steigen wie noch vor wenigen Monaten angenommen. Das Geld wird noch längere Zeit billig bleiben. "Dadurch fällt eine Alternative zu Aktien aus."

Ist es ein günstiger Zeitpunkt für einen Einstieg?

Die Experten raten zu Vorsicht, sie erinnern an eine alte Börsenweisheit: Anleger sollten in turbulenten Zeiten nie in ein fallendes Messer greifen. "Einiges deutet zwar darauf hin, dass der Ausverkauf bei Aktien schon weit vorangeschritten ist", sagt Reinwand. "Trotzdem kann sich die Unsicherheit kurzfristig noch einmal entladen." Wallner empfiehlt, drei bis vier Wochen abzuwarten, bis der Markt einen Boden gefunden habe.

Wie sieht es in einzelnen Branchen aus?

Die Aktienstrategen der Banken lassen sich ungern zu Einzelwerten zitieren. Unter der Hand aber äußern sie sich über Branchen. Anleger sollten demnach die Finger von Banken lassen, da diese noch länger unter den Kosten der Regulierung leiden werden. Ebenso kritisch sehen sie Versorger wie Eon und RWE, denen die Energiewende zu schaffen macht. Überraschend positiv ist der Blick auf die Automobilbranche (mit Ausnahme von VW): Jüngste Zahlen aus China zeigen, dass der Absatz von Daimler dort sogar gestiegen ist. Gerade ihre Aktien litten aber besonders unter den China-Sorgen. Die beste Note bekommen derzeit die Versicherer Allianz und Munich Re: Ihre Aktien sind günstig bewertet, zudem zahlen sie eine unschlagbar hohe Dividende. Die Durchschnittsdividende aller 30 Dax-Konzerne wird für dieses Jahr auf 3,5 Prozent geschätzt. "Anleger müssten eine zehnjährige Bundesanleihe 16 Jahre lang halten, um eine solche Zinseinnahme zu verbuchen", sagt Hellmeyer.