Finanzmärkte Die Börse wird 2017 "radikal unsicher"

In den USA bewegt sich der Dow Jones auf Rekordniveau, auch in Deutschland hat der Dax zuletzt wieder zugelegt. Wie es 2017 weitergeht, ist aber höchst unsicher.

(Foto: AP)
  • Der Weltwirtschaft geht es gut, die Rohstoffpreise ziehen wieder an - eigentlich beste Voraussetzungen für einen weiteren Boom an den Börsen.
  • Allerdings ist die Lage unsicher wie lange nicht, etwa durch den Amtsantritt von Donald Trump, die Brexit-Verhandlungen und Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland.
  • Insgesamt schätzen Experten die Chancen auf Kursgewinne in Europa höher ein als in den USA.
Von Harald Freiberger und Jan Willmroth, München/Frankfurt

Am Freitag in zwei Wochen beginnt ein neues Kapitel der Weltgeschichte. Dann wird Donald Trump am Geländer der Westfront des Kapitols in Washington stehen, die Hand erheben und seinen Eid auf die amerikanische Verfassung schwören. Von da an ist er der neue Präsident der USA. Je näher der 20. Januar rückt, desto mehr drängt sich die Frage auf: Was genau wird dieser Mann tun? Von den vielen möglichen Antworten wird auch abhängen, was im neuen Jahr an den Finanzmärkten geschieht.

Bislang konnten Analysten rund um den Globus nicht viel mehr tun, als über Trumps Präsidentschaft zu spekulieren. Die Aussicht auf Milliarden Dollar für Infrastrukturprojekte, auf Deregulierungen im Finanz- und Energiesektor und auf Steuersenkungen für Unternehmen haben nach der US-Wahl im November dem seit bald acht Jahren anhaltenden Boom am Aktienmarkt neue Kraft verliehen - seit Dezember bewegte sich der US-Leitindex Dow Jones nahe der Rekordmarke von 20 000 Punkten; auch der Dax steigt wieder in Richtung der 12 000 Punkte.

In diesem Jahr wird sich zeigen, ob die Finanzmärkte richtig lagen mit dieser optimistischen Reaktion. "Es ist interessant, wie die Märkte bislang damit umgehen: Nach anfänglich starken Schwankungen oder Kursverlusten geht man schnell zur Tagesordnung über", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank mit Blick auf die Trump-Wahl und das Brexit-Votum.

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Ordentliche Wachstumsaussichten für die Weltwirtschaft

In den ersten Tagen des Jahres scheinen die Voraussetzungen für ein ruhiges Finanzjahr gegeben, die Vermögensverwaltung Fiduka sieht gar eine "gute Ausgangsbasis für positive Überraschungen". Die Aussichten für das weltweite Wachstum im Jahr 2017 sind jedenfalls nicht schlecht. So rechnet die Deutsche Bank damit, dass die Wirtschaft global um 3,5 Prozent wachsen könnte. Im Vorjahr waren es etwa drei Prozent. Die Rezessionen in den großen Schwellenländern Brasilien und Russland gehen ihrem Ende entgegen. Auch aus den rohstoffabhängigen Schwellenländern kommen positive Signale, nachdem Erdöl wieder teurer wurde. Stefan Kreuzkamp, Chef-Anlagestratege der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank, ist deshalb optimistisch: "Damit wäre 2017 das achte Jahr in Folge mit einem weltweiten Wachstum von mehr als drei Prozent - das gab es zuletzt in den 1960er-Jahren", sagt er.

Auch in den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt, zieht das Wachstum an - trotz oder gerade wegen der Wahl von Trump. Dies könnte das Wachstum von 1,3 Prozent im Vorjahr auf mehr als 2,3 Prozent anziehen lassen, prognostiziert die Deutsche Bank. Die USA werden damit, anders als nach der Wahl befürchtet, auf absehbare Zeit eher zu einer Lokomotive der Weltwirtschaft als zu einer Bremse.

Alles hängt von Trump ab

Derlei Prognosen gibt es momentan viele, man muss sie unter Vorbehalt lesen - denn welche wirtschaftspolitischen Geschenke Donald Trump wirklich verteilen wird, stützt sich weitgehend noch immer auf dessen Wahlkampf-Ankündigungen. Nicht zuletzt deshalb dürfte die anhaltende Unsicherheit auch 2017 das Oberthema an den Finanzmärkten bleiben; die Allianz-Tochter Pimco spricht gar von "radikaler Unsicherheit".

Das wohl größte Risiko ist ein befürchteter Handelskrieg, besonders zwischen den USA und China. Trump brandmarkte die Volksrepublik im Wahlkampf als Währungsmanipulateur und kündigte protektionistische Maßnahmen an. Eine Einschränkung des freien Welthandels hätte unabsehbare Folgen für die Kapitalmärkte. Inwiefern Trump es sich erlauben kann, auf Abschottung zu setzen, bleibt fraglich.

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Experten sehen noch immer Chancen bei Aktien

Zu dieser fragilen Situation trägt auch der Brexit bei, der 2017 zwischen Großbritannien und der EU verhandelt werden muss. Noch ist offen, wie die Handelsbeziehungen künftig aussehen. "Erst wenn der Fahrplan dafür steht, werden die Märkte auch entsprechend reagieren", sagt Deka-Ökonom Kater. Weitere Risiken ergeben sich aus den Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland, mit einem befürchteten Erfolg populistischer Bewegungen und damit negativen Folgen für die Stabilität der EU und den Welthandel.

Für den Aktienmarkt wird maßgeblich, wie stark die Gewinne von Unternehmen steigen - das hängt vom allgemeinen Wirtschaftswachstum ab. Damit bleiben die grundsätzlich guten Voraussetzungen für Aktien auch 2017 bestehen. Dabei sehen die meisten Experten Europa positiver als die USA. Der Euro-Stoxx-Index, der die größten börsennotierten Unternehmen Europas zusammenfasst, ist bei Weitem nicht so stark gestiegen wie der Dow Jones. "Dadurch haben europäische Aktien deutlichen Aufholbedarf", sagt Christian Heger, Investment-Chef der Bank HSBC.

Der große Zinssprung dürfte ausbleiben

Die jüngste Aktien-Hausse hat auch mit der Wende am Anleihemarkt nach der US-Wahl zu tun: Investoren verkauften in großem Stil Staatsanleihen und schichteten das Geld in andere Vermögenswerte um, vor allem in Aktien. Im Dezember erhöhte die US-Notenbank Fed daraufhin den Leitzins, weitere Schritte dürften 2017 folgen. In Europa werden dagegen frühestens Ende 2018 Zinserhöhungen erwartet. Damit geht die Schere zwischen den USA und Europa auseinander: Zinsanlagen, zum Beispiel Staatspapiere, werden in den USA attraktiver, das stärkt den Dollar und schwächt den Euro.

Staatsanleihen haben die Zinswende in den vergangenen Monaten schon nachvollzogen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist von 1,3 auf 2,5 Prozent gestiegen, die von Bundesanleihen von minus 0,2 auf plus 0,2 Prozent. Allerdings gehen die meisten Experten nicht davon aus, dass die Zinsen weiter stark anziehen. "Wir erwarten das Ende des Zinstiefs, aber keine nachhaltigen Zinssprünge", heißt es bei der Deutschen Bank. Die Folge: "Zinsanlagen bleiben 2017 aller Voraussicht nach unattraktiv", sagt Heger von HSBC. Und die Fondsgesellschaft Threadneedle ist sich sicher: "Aktien sind nach wie vor attraktiver als Anleihen." Same procedure as last year.

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