Finanzkrise Zocken ohne Ende

Das Spekulieren geht weiter - aber es ist von europäischem Interesse, dass sich das Finanz-Empire London von Zockergeschäften verabschiedet.

Von Andreas Oldag

Der Niedergang des britischen Empires begann mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1775. Es war der Anfang eines schmerzhaften Prozesses, der schließlich zur Erkenntnis führte, dass das britische Imperium nicht mehr der Nabel der Welt ist.

Der Abstieg des angelsächsischen Finanz-Kapitalismus könnte nun etwas schneller über die Bühne gehen. Und der Prozess ist für die Beteiligten vielleicht ebenso traumatisch wie der Zusammenbruch eines Weltreichs: Ein bislang unumstößliches Axiom, dass der Spekulation mit Geld und Finanzprodukten keine Grenzen gesetzt sind, ist in der schwersten Krise seit Jahrzehnten ins Wanken geraten.

Das wichtigste Epizentrum dieser Erschütterung in Europa ist der Finanzplatz London. Die Metropole, in der mehr Banken, Hedge-Fonds und Finanzfirmen als sonst auf dem Kontinent konzentriert sind, blickt in den Abgrund. Dabei geht es nicht nur um Zehntausende entlassener Banker und Broker, die sich in den vergangenen Jahren eine goldene Nase verdient haben.

Die zentrale Frage ist, wie dem überzogenen Marktliberalismus Fesseln angelegt werden können, damit er künftig seine zerstörerischen Auswüchse nicht entfaltet. Für die Briten bedeutet dies die Abkehr von der Deregulierungs-Politik Margaret Thatchers.

Die ehemalige Regierungschefin entfesselte mit dem "Big Bang", dem Urknall Mitte der 80er Jahre, die Finanzindustrie an der Themse. Der Alt-Herrenclub von Börsenmaklern, der Zigarre rauchend auf dem knarzenden Londoner Börsenparkett seine Aktiengeschäfte betrieb, wurde schon damals von der Generation Computerhandel verdrängt. Diese jonglierte fortan per Mausklick mit Milliarden rund um den Globus.

London entwickelte sich zum Tummelplatz von Spekulanten, die weniger auf seriöse Geschäfte als auf millionenschwere Prämienzahlungen schielen. Konsequenterweise sind aus dieser Perspektive Börsen- und Bankenaufsicht höchst überflüssige Institutionen, welche die Marktkräfte blockieren.

Langsam dämmert es nun der britischen Labour-Regierung, dass es ohne Regulierung nicht geht. Doch zwischen Erkenntnis und Umsetzung klafft eine Lücke. Längst haben sich die Lobbyisten der Finanzbranche in Stellung gebracht. Sie arbeiten gegen ein allzu harsches Regelwerk. Immerhin steuert die Finanzbranche noch etwa acht Prozent zum britischen Sozialprodukt bei.

Dies erklärt etwa, dass Labour bislang nicht den Mut hatte, die irrwitzigen Prämienzahlungen der Bankmanager zu begrenzen. Die Herren brauchen nur mit dem Wegzug nach Dubai oder Hongkong zu drohen, und die Politiker gehen auf Kuschelkurs.

Immerhin hat die oberste britische Finanzaufsicht FSA jetzt vor dem Gipfeltreffen der G-20-Industriestaaten Anfang April in London Vorschläge für eine Reform der Bankenkontrolle vorgelegt. Es geht um strengere Eigenkapitalvorschriften für die Kreditinstitute, ebenso wie um mehr Transparenz bei Geschäften von Hedge-Fonds. Doch am Kern des Problems zielen die FSA-Pläne vorbei: Sie greifen nicht die brandgefährlichen Finanzprodukte an, die in den Giftküchen der Banken und Fonds in den vergangenen Jahren entstanden sind. Es handelt sich vor allem um Kreditderivate, das heißt hochkomplizierte Versicherungen für Zahlungsausfälle.

Die Zockerei mit diesen Derivaten geht trotz aller Warnungen am Finanzplatz nicht zuletzt in London weiter. In den Glaspalästen der Canary Wharf sitzen die Spekulanten, die auf einen Bankrott der Euro-Staaten Griechenland und Irland wetten. Dies ist eine Gefahr für die Euro-Zone, die in eine Zerreißprobe getrieben werden könnte. Deshalb ist es im europäischen Interesse, dass sich das Finanz-Empire London von Zockergeschäften verabschiedet. Notwendig ist die Schrumpfung der Finanzindustrie auf ein für die Wirtschaft gesundes Maß. Dieses heikle Thema gehört ebenso auf die Agenda des G-20-Gipfels wie die Eindämmung von Steueroasen in Europa.