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Und weil diese hochfliegende Welt allein auf Erfolg getrimmt ist, kann sie sich mit keinem Erfolg zufrieden geben. Sie feuert den Triumphalismus an, das Übertrumpfen der Erfolge durch immer größere. Die Idee der immer verwegeneren Steigerung der Eigenkapitalrendite - sie konnte als Imperativ und Attitüde nur hier geboren werden. Man warf den Geldhändlern im Nachhinein vor, sie hätten mit dem schwindelerregenden Derivaten- und Preissystem den Kontakt zur Realität verloren. Ja, das taten sie, doch der Verlust der Bodenhaftung ist keine Schludrigkeit im Eifer des Gefechts, dieser Verlust wird durch die Parthenogenese des Geldes aus sich selbst geradezu prämiert.

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Je mehr der Erfolg auf genialer Kalkulation und blitzartigen Entscheidungsreflexen beruht, desto bedrohlicher lauert im Hintergrund aber die Gefahr des Fehlurteils, der falschen Intuition, der Niederlage gegen noch bessere Genies, noch härtere Zocker. Mit jedem Verlierer war das Drama an der Wall Street gegenwärtig, mit jedem Sieger aber verdrängt, jetzt in der Krise ist es zum kollektiven Melodram der fassungslosen Szene geworden. In der irrationalen Panik, die den Finanzmarkt in den letzten Wochen so haltlos nach unten zog, scheint der Abgrund unter dem ekstatischen Tanz auf dem Kurs-Tableau auf. Womöglich schlägt die Summe der euphorischen Energien um in ebenso große panische Energien - eine Differentialgleichung der anderen Art.

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Zurück also zur Ausgangsfrage: Trotz der Lehren aus dem Zusammenbruch und trotz der geplanten Regularien für den Finanzmarkt wird dieser Markt nicht zum Zustand vor der Euphorie zurückkehren können. Schon quantitativ nicht - bis zum Herbst betrug der Wert aller auf dem internationalen Geldmarkt gehandelten Summen das Dreifache des Weltbruttosozialprodukts. Reduzierte man diesen Quotienten auf ein "realistisches" Verhältnis zur "Real"-Wirtschaft, katapultierte man den eh schon gigantischen Schaden der Bankenwelt endgültig in unbeherrschbare Dimensionen. Man kann nicht ein Mehrfaches des Globalprodukts abschreiben.

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Vor allem aber können noch so strenge Regeln (und sie können gar nicht streng genug sein, um den Nutzen des Finanzsystems für die Wirtschaft zu garantieren), vor allem also können diese Regeln die innere alchemistische und erfolgsfixierte Kultur des Systems nicht mehr aus der Welt schaffen.

Schon jetzt, mitten in der dringlichsten Phase der Rettungsmaßnahmen, zeigt sich, wes Geistes Kind viele von den beteiligten Bankmanagern trotz des Schocks wohl auf Dauer bleiben werden: Statt die Milliarden, die der amerikanische Kongress den notleidenden Banken aus dem 700-Milliarden-Paket zukommen lässt, tatsächlich für neue Kredite zu verwenden, zieht es eine Reihe von Banken vor, die Steuergelder zur Auszahlung großzügiger Dividenden zu verwenden - bedenkenlos selbstreferentiell und verantwortungsfrei wie eh und je. Andere wie JP Morgan Chase gehen mit den geschenkten Steuermilliarden auf Shoppingtour, um angeschlagene Konkurrenten aufzukaufen. Jede Illusion wäre verfehlt.

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Im übrigen aber dürfte es nicht lange dauern, bis man die Preiseffekte von verbotenen Leerverkäufen, von dichterer Kontrolle, erhöhter Mindestreserve und Eigenkapitaldeckung in die Differentialgleichungen einkalkulieren kann. Immerhin werden künftig viele Risiken wohl erheblich verringert und gedeckelt werden.

Doch die Geschäfte mit der Zukunft, die Essenz des modernen Wirtschaftens, bergen natürlich weiterhin hinreichend große Risiken, um Finanzgenies die Möglichkeit zu bieten, den spekulativen Wertpapieren so kunstgerechte Derivate auf den Leib zu schneidern, dass in nicht allzu ferner Zeit neue wundersame Blasen entstehen können. Zwischen dem Derivat als notwendiger Absicherung und dem Derivat als kreativem Selbstzweck ist keine feste Linie zu ziehen. Das Casino muss vorübergehend wegen Sanierung in eine Baustelle verwandelt werden, doch bald heißt es wieder: Le jeu est ouvert. Wäre es nicht außerordentlich verlockend, in 99 von 100 Fällen, sagen wir, 1 Million Euro zu gewinnen?

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(SZ vom 03.11.2008/ld/hgn)