Finanzielle Bekenntnisse von Lesern "Der Spitzensteuersatz von 53 Prozent unter Kohl war mir lieber"

Dieter Seibold*, 69, ehemaliger Vorstandschef einer Bank aus Mittelfranken, verheiratet, zwei Kinder, Steuerklasse III, 200.000 Euro

Wir haben aus drei Ruhegehältern ein Monatseinkommen von 17.000 Euro, wobei der Großteil aus meinen Pensionen stammt. Meine Frau hat unsere Kinder großgezogen und bekommt nur eine bescheidene Rente. Wir haben ein Vermögen von mehr als einer halben Million Euro, die Immobilien eingeschlossen - ich stamme aus kleinen Verhältnissen und habe alles selbst erwirtschaftet. Meine Frau und ich haben Steuerklasse VI und III und zahlen im Monat etwa 6000 Euro Steuern - das entspricht etwa einem Steuersatz von 35 Prozent.

Unser Steuersystem halte ich für ungerecht, weil wir ein starkes Ungleichgewicht bei Einkommen und Vermögen haben und man das über die Steuern auch steuern sollte. Dagegen hat die Politik - ich merke es an mir persönlich - in den vergangenen Jahren die Steuern für Gutverdiener vermindert und die Verbrauchsteuern erhöht. Bei mir spielt es keine Rolle, ob ich beim Konsum 19 oder 20 Prozent Steuern zahle, aber wer 50, 60, 70 Prozent seines Einkommens für die Lebenshaltungskosten ausgeben muss, für den ist eine Erhöhung der Umsatzsteuer eine Katastrophe. Da war mir der Spitzensteuersatz von 53 Prozent unter Kanzler Kohl lieber, die 42 Prozent jetzt sind unsinnig.

Dabei ist im Artikel 14 des Grundgesetzes (Anm. d. Red: "Eigentum verpflichtet.") und im Artikel 151 der Bayerischen Verfassung (Anm. d. Red: "Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl ...") alles niedergelegt, aber wir achten das nicht mehr, seit sich der neoliberale Kapitalismus durchgesetzt hat. Dass ich mich für eine höhere Besteuerung von Gutverdienern einsetze, unter anderem in der Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe, hat zwei Gründe: Die Verfassungsartikel machen es mir zur Aufgabe, mich menschlich und sozial zu verhalten. Aber auch Eigeninteresse steht dahinter: Ich bin der Überzeugung, dass, wenn die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht, die Demokratie gefährdet ist - und damit auch mein Wohlstand. Deswegen wären Steuererhöhungen für die Wohlhabenden eine Win-win-Situation für alle: Wir hätten vielleicht etwas weniger Gewinn, aber der wäre auf Dauer angelegt in einer Gesellschaft, in der alle gut aufgehoben sind.

Unsere Initiative fordert eine Vermögensabgabe von zwei Mal fünf Prozent in zwei Jahren und dann die Wiedereinführung der Vermögensteuer. Für mich wären das vielleicht 10.000 Steuern mehr im Jahr, aber ich würde sicher nicht verarmen. Jeder, der sich Sorgen um sein Vermögen macht, sollte sich die geflickten Straßen anschauen, die heruntergekommenen Schulen, die Kitas mit zu wenig Betreuern und Unis, in denen die Studenten auf dem Boden hocken. Wer dann immer noch meint, zu viel Steuern zu zahlen, dem kann ich auch nicht helfen.

Oliver Schmidt*, 51, IT-Fachmann aus Solingen, verheiratet, Steuerklasse V, 24.000 Euro

Meine Frau und ich hatten 2011 ein Brutto-Einkommen von 54.000 Euro, 24.000 kamen von mir, 30.000 von meiner Frau. Davon gingen ungefähr 25 Prozent Einkommensteuer weg.

Wir nutzen das Ehegattensplitting, allerdings andersherum als wohl bei vielen anderen Paaren, weil ich etwas weniger verdiene. Wir profitieren auch davon, auch wenn wir es ohne Berücksichtigung von Kindern als etwas ungerecht empfinden. Natürlich haben wir wenig Interesse daran, dass sich für uns etwas ändert, aber wir finden, dass sich für Freunde und Kollegen einiges ändern müsste, die mehr Steuern zahlen, obwohl sie Kinder haben - das sollte stärker berücksichtigt werden als die Ehe.

Ärgerlicher als das finde ich aber die Mehrwertsteuer, die mit dem Kassenbon bezahlt wird. Ich kann nicht verstehen, warum Tiernahrung mit sieben Prozent, Getränke aber voll versteuert werden, warum im Fernverkehr ein erhöhter Mehrwertsteuersatz gilt, im Nahverkehr aber ein niedriger, oder warum in der Gastronomie für Essen zum Mitnehmen weniger fällig wird als für Essen, das im Lokal verzehrt wird.

*Namen von der Redaktion geändert