Finanzbranche Eine Frau und 17 Männer

Anne Connelly, Gründerin des Karrierenetzwerks "Fondsfrauen": "Frauen brauchen Vorbilder."

(Foto: oh)

Weibliche Führungskräfte sind in der Finanzbranche noch immer ausgesprochen stark unterrepräsentiert. Dieses fehlende Gleichgewicht schadet nicht nur der Parität, sondern außerdem auch den Konzernen selbst.

Von Nils Wischmeyer

Evi Vogl ist eine Ausnahme und hat nur wenig Zeit, sie eilt von Termin zu Termin. Spätestens seit vergangenem Jahr ist ihr Terminkalender fast jeden Tag vollgestopft: Kundengespräche, Meetings, Telefonkonferenzen. Im Juni ist sie zur Deutschland-Chefin bei Amundi aufgestiegen. Der französische Konzern ist seines Zeichens der größte Vermögensverwalter Europas, und mit Vogl führt seither eine Frau die deutsche Sparte. Nicht außergewöhnlich, sollte man meinen. Doch auch 2018 bleibt sie damit eine Ausnahme in der Finanzbranche.

Der Anteil an weiblichen Führungskräften nämlich ist nach wie vor verschwindend gering. In den 100 größten deutschen Banken sind laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung nur neun Prozent der Vorstände weiblich. Bei den Fondsmanagern verharrt die Quote bei rund zehn Prozent. Das hat eine Studie des Karrierenetzwerks "Fondsfrauen" in Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung KPMG herausgefunden. In Führungspositionen sind es gar nur sechs Prozent. Auf 17 Männer kommt eine Frau, oder anders: Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Frau - und wieder von vorn.

"Pink Ghettos" - so werden in den USA abschätzig Abteilungen mit hohem Frauenanteil genannt

Dabei ist die Frauenquote über die gesamte Branche hinweg betrachtet gar nicht so gering, sagt Amundis Deutschland-Chefin Evi Vogl. "Frauen kommen nur nicht in die Managementpositionen, dorthin, wo auch was entschieden wird", sagt sie. Viele arbeiten in Bereichen, in denen die Frauenquote traditionell weit über 50 oder gar 70 Prozent liegt, etwa in der Personalabteilung oder im Marketing. In den USA nennt man die Abteilungen abfällig "Pink Ghettos". Das hat sich in den vergangenen Jahren nicht geändert. Die Zahlen verharren bei den immer gleichen Werten.

Besonders niedrig ist die Frauenquote unter Fondsmanagern. In Großbritannien ist die Branche nicht umsonst gebrandmarkt als "pale, male, stale": bleich, männlich, abgestanden. Bereits 2015 stellte das Analysehaus Morningstar fest, dass weltweit etwa zwölf Billionen US-Dollar in offenen Investmentfonds stecken. Frauen verwalteten davon gerade einmal zwei Prozent. Die Research-Firma Flowspring untersuchte im vergangenen Jahr rund 15 000 Fonds. Gerade einmal jeder Fünfte hatte gemischte Teams, der Rest bestand ausschließlich aus Männern. Die Zahl der Fonds, die von Frauen betreut wurden? 164, oder in Prozent ausgedrückt: 1,09.

Diese Ungleichheit schadet nicht nur der Gleichberechtigung, sondern auch den Finanzfirmen. Gemischte Fondsteams nämlich zogen im Schnitt sechs Prozent mehr Investorengelder an als die rein männlich dominierten. In reinen Testosteron-Teams ist die Rendite zudem oft niedriger. Der HFRX, ein Index, der die Wertentwicklung von Hedgefonds mit weiblichen Managern nachvollzieht, hat über fünf Jahre um 30 Prozent zugelegt. Der HFRI, der mehrere Fonds unabhängig vom Geschlecht abbildet, kommt nur auf 27 Prozent. Zudem, so Evi Vogl, investierten Frauen stetiger. "Die Rendite ist vielleicht nur marginal größer, aber die Volatilität ist nicht so hoch. Das macht die Anlage sicherer." Wenn aber gemischte Teams mehr Geld anziehen, stetiger wachsen und im Vergleich sogar mehr Rendite erzielen, warum ist das Potential bis heute ungenutzt?

Eigentlich wollten viele Institute mehr Frauen einstellen, und tatsächlich gebe es auch Bemühungen, sagt Anne Connelly, Gründerin der Fondsfrauen. Doch es fehlt an Bewerbungen. Das Image der Branche leidet unter vielen Vorurteilen. Die Studie "Fearless Girls" der Universität Mannheim befragte im Auftrag der Fondsfrauen 1000 Studierende zur Finanzbranche. Ergebnis: Frauen sehen in ihr keinen attraktiven Arbeitgeber. Sie halten die Industrie für männerdominiert und zu wettbewerbsorientiert. Zudem fehle es an Rollenbildern.

"Frauen brauchen Vorbilder, jemanden, an dem sie sich orientieren können und eine Kultur, die sie unterstützt", sagt Connelly. Sie war selbst jahrelang in der Finanzindustrie tätig, bevor sie sich 2016 ganz auf die Fondsfrauen und ihre Webseite herMoney konzentrierte. "Viele Männer haben zu meiner aktiven Zeit gesagt: Eine Frau im Vertrieb? Hach, das kann die doch gar nicht", sagt Connelly. Heute wäre das nicht mehr denkbar. Nach außen hin aber bleiben die Vorurteile. Und hier liegt das Problem: Frauen gehen oft nicht in die Branche, weil die Quote an Frauen so niedrig ist. Wenn aber nur wenig Frauen in die Branche gehen, kann es auch nur wenig Vorbilder geben. "Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen", sagt Connelly.

Welchen Unterschied ein solches Rollenbild haben kann, hat die internationale Vermögensverwaltung Columbia Threadneedle erlebt. Jahrelang war der Chief Investment Officer weiblich. Das hat das Unternehmen geprägt, junge Frauen von den Top-Universitäten angezogen. Gleichzeitig setzte die Vermögensverwaltung verschiedene Programme auf, organisierte Treffen unter Frauen innerhalb der Firma, förderte sie speziell. Seither liegt der Anteil von Frauen deutlicher höher als zuvor, gerade auch außerhalb der "Pink Ghettos". Mittlerweile sind 27 Prozent aller Fondsmanager weiblich, sagt Alison Jefferis, zuständig für Global Affairs. In den Führungspositionen liege man bei 17 Prozent: "Das ist noch nicht unser Ziel, aber weit über dem Durchschnitt", so Jefferis. "Auf Dauer peilen wir Parität an, aber das ist natürlich ein langsamer und mühsamer Prozess."

Eine Aussage, die gerade auch in Deutschland gilt. Voraussichtlich im Juni erscheint im Auftrag der Fondsfrauen eine neue Studie zum Anteil der Frauen im Finanzbereich. Tendenziell werde sich an den Zahlen nicht viel ändern, sagt Connelly. Immerhin bemühen sich viele Unternehmen. Das ist doch ein Anfang.