Finanzbranche "Die Politik hat vor der Komplexität kapituliert"

Finanzexperte Christoph Kaserer erklärt, warum sich Banken so schwer regulieren lassen - und was hohe Boni über die Unternehmensführung aussagen.

Interview von Harald Freiberger

Der Südtiroler Christoph Kaserer, 51, ist Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der Technischen Universität München.

(Foto: imago)

Die Politik will die Banken regulieren. Das Problem ist nur: Sie werden dadurch immer mächtiger, sagt Finanzexperte Christoph Kaserer.

SZ: Herr Professor Kaserer, nie wieder sollen Banken Regierungen erpressen können, hieß es nach der Lehman-Pleite.

Christoph Kaserer: Wesentliche Probleme sind in Angriff genommen, aber man muss darüber nachdenken, ob man an der ein oder anderen Stelle noch den Kurs ändert.

Auch beim Eigenkapital, damit künftig nicht wieder Steuerzahler einspringen müssen, wenn eine Bank pleitegeht?

Es ist viel passiert, was die Quantität betrifft. Banken müssen mindestens sieben statt früher zwei Prozent hartes Kernkapital halten. Bei der Qualität aber habe ich meine Zweifel. Banken haben zu viel Spielraum, die eigenen Risiken zu gewichten. Es wäre besser, eine feste Basis zu haben, zum Beispiel eine sogenannte Leverage Ratio, wonach sich das Eigenkapital nach den gesamten Vermögenswerten richtet. Das wäre weniger anfällig für Manipulationen.

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Hilft es, riskante Teile einer Bank, etwa den Handel, von unriskanten Teilen wie den Einlagen der Kunden zu trennen?

Die Politik hat vor der Komplexität des Themas kapituliert und die Regulierung zu unbestimmt formuliert. Letztlich müssen es die Aufsichtsbehörden mit Inhalt füllen. Die Gefahr ist groß, dass sie daran scheitern. Es ist schon schwierig, überhaupt Eigenhandel zu definieren. Und selbst wenn es gelänge, riskante und weniger riskante Teile zu trennen: Wer stellt sicher, dass im Konkursfall nicht doch auf die Kundeneinlagen zurückgegriffen wird? Schließlich gibt es auch eine Konzernhaftung.

In Europa kommt auch ein Abwicklungsregime. Langfristig zahlen Banken 50 Milliarden Euro in einen Fonds, mit dem faule Institute gerettet oder abgewickelt werden sollen. Kann das funktionieren?

Ich halte das System gerade bei großen Instituten nicht für glaubwürdig. Die Regulierung führt dazu, dass Banken noch größer werden. Denn sie macht das Bankgeschäft teurer, ebenso wie die Digitalisierung. Beides hat zur Folge, dass sich kleine Banken kaum mehr halten können. Und je größer eine Bank, umso dringender muss sie im Ernstfall gerettet werden. Daran ändern auch Bestrebungen nichts, Eigentümer oder Fremdkapitalgeber stärker heranzuziehen. Das ist eine der größten Schwächen der Regulierung.

Und die Begrenzung der Boni-Exzesse?

Ich bin mir nicht sicher, ob sie bei den Ursachen der Finanzkrise eine so große Rolle gespielt haben. Man sollte das Thema den Eigentümern überlassen. Die EU-Vorschrift, wonach ein Bonus nur so hoch sein darf wie das Festgehalt, hat dazu geführt, dass die Festgehälter angehoben wurden. Das kann es auch nicht sein.

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Das ist ein klares Zeichen dafür, dass in der Unternehmensführung etwas nicht gestimmt hat. Aber es ist nicht zu lösen durch ein Gesetz, das Unternehmen vorschreibt, wie viel Mitarbeiter verdienen dürfen. Zudem arbeiten die Leute mit den hohen Boni heute bei unregulierten Hedge-Fonds.

Alles in allem: Sind Banken heute besser reguliert als 2008?

Vom Prinzip her ja, aber man muss über das Problem der Größe noch einmal nachdenken. Der beste Schutz vor zu großen Banken ist Wettbewerb. Ich fürchte, dass zu viel Regulierung den Wettbewerb eher einschränkt, als ihn zu befeuern. Es gibt heute in Deutschland extrem hohe Barrieren, eine Bank zu gründen. In vielen europäischen Ländern teilen sich wenige Großbanken einen Großteil des Marktes. Das führt zum Beispiel dazu, dass man immer höhere Gehälter zahlen kann, weil es die Marktposition hergibt.

Also weniger Regulierung?

Zumindest sollte man über einen Regulierungsstopp nachdenken und nich immer noch mehr draufsatteln.