Finanzbranche Deutschlands Kreditwirtschaft ist in erbärmlichem Zustand

Frankfurter Skyline am Abend: Wie belastbar sind Deutschland Banken wirklich?

(Foto: dpa)

Die Finanzhäuser loben ihre "Widerstandsfähigkeit". Doch sind sie das wirklich? Die größte Bedrohung für die Banken hat der Stresstest gar nicht geprüft.

Kommentar von Harald Freiberger

Am Freitag um 22 Uhr hat die Stunde der Schönredner geschlagen. John Cryan, der Chef der Deutschen Bank, sieht sein Institut nun "auch für härtere Zeiten gewappnet", die Commerzbank attestiert sich selbst, "widerstandsfähig und stressresistent" zu sein. Selbst Bundesbank-Chef Jens Weidmann findet, die deutschen Banken seien "gerüstet, diesen ausgeprägten Schocks zu widerstehen". Überhaupt sei der gesamte europäische Bankensektor heute widerstandsfähiger als vor zwei Jahren, meint Daniele Nouy, Europas oberste Bankenaufseherin.

Diese Kommentare zum jüngsten europäischen Banken-Stresstest stehen in einem merkwürdigen Kontrast zu seinen Ergebnissen. Haben die veröffentlichten Daten nicht gerade gezeigt, dass Deutsche Bank und Commerzbank bei einem wirtschaftlichen Einbruch zu den zehn am schlechtesten kapitalisierten von insgesamt 51 getesteten Instituten gehören würden?

Die maßgebliche Kennzahl dafür ist die Quote für das harte Kernkapital. Sie sagt aus, wie viel Eigenkapital eine Bank im Verhältnis zu den Risiken hat, die sie eingegangen ist. In einem harten Stress-Szenario würde sie bei der Commerzbank auf 7,4 Prozent sinken, bei der Deutschen Bank auf 7,8 Prozent. Das ist nicht weit weg von der bedrohlichen Marke von sieben Prozent, bei der für Aufseher und Analysten die Alarmglocken läuten.

Es ist ein Hohn, von "Widerstandsfähigkeit" und "Stressresistenz" zu sprechen

Bewusst hatte die Europäische Zentralbank (EZB) diesmal beim Stresstest darauf verzichtet, eine feste Marke für das Kernkapital vorzuschreiben. Deswegen konnte es keine Durchfaller geben, deswegen muss nun auch kein Institut sofort neues Kapital aufnehmen - wie zuletzt nach dem Bilanz-Check 2014.

Der Stresstest 2016 liefert trotzdem eine Reihe von Erkenntnissen, und sie sind bei weitem nicht so positiv, wie es die Betroffenen sehen möchten. In der europäischen Bankenbranche liegt so viel im Argen, dass es fast schon ein Hohn ist, von "Widerstandsfähigkeit" und "Stressresistenz" zu sprechen.

Da gibt es eine italienische Großbank, die Monte dei Paschi di Siena, deren hartes Kernkapital im Stress-Szenario tatsächlich auf minus 2,4 Prozent fallen würde. Das heißt, das Eigenkapital wäre komplett weg. Zusätzlich müsste noch neues aufgenommen werden, um überhaupt auf null zu kommen. Da gibt es zwei irische Großbanken, eine österreichische und eine spanische, die teils deutlich unter der Sieben-Prozent-Marke landen. Und da gibt es die zwei größten deutschen Institute, die diese Marke gerade noch schaffen.

Der gesamte europäische Bankensektor wirkt immer noch wie ein Reparaturbetrieb

Deutschland gilt als eine der erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt, respektiert und beneidet für seine Exportstärke. Seine Kreditwirtschaft aber befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Statt die Stärke der deutschen Unternehmen für sich zu nutzen, haben sich Deutsche Bank und Commerzbank verzettelt und im Investmentbanking Milliarden verloren, im Onlinebanking den Anschluss verloren, im Privatkundengeschäft kaum etwas gewonnen.

Der gesamte europäische Bankensektor wirkt auch acht Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise immer noch wie ein Reparaturbetrieb, gerade im Vergleich zu den US-amerikanischen Großbanken. Die Hauptursache dafür liegt in der zersplitterten Politik: Die nationalen Regierungen schützen im Zweifelsfall immer noch ihre Kreditinstitute, statt sie zu harten Schritten zu zwingen. Denn das ist die andere Hauptursache für die Krise von Europas Banken: Sie sind zu groß, es gibt zu üppige Zentralen mit zu vielen Filialen und zu viele Mitarbeitern angesichts der schwindenden Einnahmemöglichkeiten, die in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit noch weiter schwinden werden.

Viele Banken machen so weiter, als sei nichts gewesen

Das größte Risiko für den europäischen Bankensektor hat der Stresstest nämlich gar nicht getestet: Nach wie vor ist offen, woher in Zukunft die Gewinne kommen sollen: Investmentbanking rentiert sich in vielen Bereichen nicht mehr, weil es zu riskant ist und zu viel Kapital verschlingt. Die europäische Wirtschaft ist schwach, zudem gehen Firmen dazu über, sich anders zu finanzieren als mit Bankkrediten. Die Zinsen werden auf Jahre hinaus zwischen null und negativ pendeln, so dass sich die für viele Banken wichtigste Einnahmequelle der Vergangenheit, die Zinsspanne, in Nichts auflöst. Und schließlich kommen immer mehr kleine, flinke Start-Ups auf den Markt, die Banken das Basisgeschäft wegnehmen.

Jede andere Branche, ob aus Industrie oder Dienstleistung, hätte auf solche epochale Veränderungen längst mit einer drastischen Verkleinerung reagiert. Viele Banken aber machen so weiter, als sei nichts gewesen. Die größten Veränderungen stehen der Branche erst bevor. Die Bankenwelt wird künftig nicht mehr so aussehen, wie man sie seit Jahrzehnten kennt. Das hat der Stresstest nicht gezeigt, und die schönrednerischen Äußerungen täuschen darüber hinweg.

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