Fifa Großkonzern im Gewand eines Sportvereins

Proteste gegen die Fifa in Brasilien

(Foto: dpa)

Zwangsumsiedlungen und andere Respressionen: Während die Fifa mit der Fußball-WM steuerfreie Milliarden verdient, handelt sie in den Gastgeberländern verantwortungslos. Es ist überfällig, dass sie als das behandelt wird, was sie ist.

Ein Kommentar von Danuta Sacher

Danuta Sacher

Vorstandsvorsitzende des internationalen Kinderhilfswerks Terre des Hommes

Heftige Proteste begleiten den Beginn der Fußball-WM in Brasilien. Dabei kann nach den ersten Spielen zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass die Brasilianer Fußball nicht mögen. Wird hier also ein internationales Sportgroßereignis von Regierungsgegnern für innenpolitische Zwecke genutzt?

Die Proteste beziehen sich sehr konkret auf Entscheidungen und Maßnahmen während der WM-Vorbereitungen. So mussten mindestens 170 000 Menschen dem Neu- und Ausbau von Stadien, Straßen, Flughäfen und anderen Infrastrukturmaßnahmen weichen, Tausende Familien wurden für Jahre in einfachste Hütten ohne Strom und Wasser zwangsumgesiedelt, die im Volksmund als "Mikrowellen" bezeichnet werden, da sie sich bei Sonne unerträglich aufheizen. Jede Räumung ist ein gravierender Eingriff in die Familienbiografien und reißt Lebens- und Arbeitszusammenhänge auseinander.

Ähnliches wiederholt sich regelmäßig bei jedem Sportgroßereignis. So wurden für die Olympischen Spiele in Seoul 1988 rund 720 000 Menschen umgesiedelt, in Peking 2008 waren es sogar mehr als eine Million. Studien belegen, dass solche Entwurzelungen das Armutsrisiko der Familien stark erhöhen und insbesondere Kinder in ihrer Entwicklung gefährden.

"Säuberungsaktionen" gegen Straßenkinder

Eine andere Quelle des Protests ist die Verbannung von Straßenhändlern aus dem Umkreis der Stadien. Wie bereits in Südafrika bei der letzten WM, dürfen innerhalb stadionnaher Zonen ausschließlich lizenzierte Produkte der Fifa-Sponsoren vertrieben werden. Das schafft Not und Armut und ist ein Foul an Zehntausenden Familien, die an ihrem volkswirtschaftlich relevanten Beitrag zur Überlebensökonomie der armen Bevölkerungsmehrheit gehindert werden.

Besondere Gefahren gehen von sogenannten Säuberungsaktionen für Straßenkinder aus. So wurden 2010 in Südafrika Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Lager gebracht, in denen sie Gewalt und sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren.

Schätzungen über die Gesamtkosten der WM für den öffentlichen Haushalt Brasiliens liegen zwischen 6,5 und 9,8 Milliarden Euro. Das entspricht ungefähr der Summe, die im ganzen Jahr 2013 für das brasilianische Sozialhilfeprogramm Bolsa Familia ausgegeben wurde, mit dem 50 Millionen Menschen unterstützt werden. Im deutschen Vergleich entspricht die unterste Schätzung von 6,5 Milliarden Euro dem gesamten Jahresbudget des Bundesministeriums für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit, also der Jahressumme sämtlicher internationaler Entwicklungshilfe Deutschlands.

Spiel in falschen Händen

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Diese Fakten erfordern es, den Blick auf den Gast in Brasilien zu richten - die Fifa. Grundlage für Vorbereitung und Durchführung der WM-Turniere ist ein sogenanntes Pflichtenheft, das die brasilianische Regierung und die Fifa bei Vertragsabschluss unterzeichneten. Die brasilianische Regierung hat sich damit auf die Fifa-Regularien verpflichtet. Die Fifa ist wiederum der Eigentümer der globalen Marke Fifa World Cup© und erzielt ihre Einnahmen aus Übertragungsrechten, Sponsoren-, Lizenz- und Werbeverträgen.

Die direkten Gewinne der Veranstaltung Fifa World Cup kommen nicht dem Gastland zugute, sondern der Fifa - steuerfrei, denn die Fifa ist nach schweizerischem Recht als gemeinnützig anerkannt und somit von Steuerzahlungen befreit. Mit der letzten Weltmeisterschaft 2010 hat der Verband etwa 3,5 Milliarden US-Dollar eingenommen.