Gegen Mitarbeiter von Ferrostaal wird wegen möglicher Bestechung ermittelt. Und alle fragen: Ist Konzernchef Mitscherlich Täter oder Opfer?
Von gefährlichen Episoden weiß jeder zu berichten, der oft gereist ist, und Ferrostaal-Chef Matthias Mitscherlich war in seinem Leben viel unterwegs. In Venezuela traute er sich wegen der Gewaltkriminalität nur in einer gepanzerten Limousine auf die Straße und in Nigeria ging er auch nicht einfach spazieren. In diesen Tagen verspürt der 61-Jährige eine neue Gefahr: Sie ist ganz nah, verfügt über Blechmarken und rosa Zettel und nimmt manchmal Leute mit.
Die Staatsanwälte haben den Verdacht, dass bei Projekten in Ägypten, Portugal, Kolumbien, Argentinien und Indonesien kräftig geschmiert wurde. (© Foto: dpa)
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Im Juli 2009 suchten Fahnder der Münchner Staatsanwaltschaft erstmals den Essener Ferrostaal-Konzern heim. Damals musste das Vorstandsmitglied Klaus Lesker drei Wochen in Untersuchungshaft verbringen. Vergangene Woche waren die Beamten wieder da, und erneut kam Lesker in Untersuchungshaft. Mitscherlich wartete mit dem Doktor der Ingenieurwissenschaften im Besprechungszimmer, bis die Ermittler den 49-jährigen Spitzenmanager mitnahmen. Bis dahin war Lesker als Nachfolger von Mitscherlich gehandelt worden. Am Freitag wurde ein weiterer Manager von Ferrostaal festgenommen, der früher Steuerfahnder war - so etwas wie ein Ex-Kollege der Strafverfolger also.
Sie ermitteln nicht nur gegen den früheren Fahnder und gegen Lesker, sondern auch gegen zwei weitere aktive Manager, darunter einen Geschäftsführer aus Südostasien. Zwei ehemalige Vorstandsmitglieder und fünf weitere Ex-Mitarbeiter bekamen ebenfalls Aktenzeichen. Unter dem Strich also elf Beschuldigte - und das ist womöglich nur der Anfang. Die Staatsanwälte haben den Verdacht, dass bei Projekten in Ägypten, Portugal, Kolumbien, Argentinien und Indonesien kräftig geschmiert wurde.
Für Mitscherlich wird es eng
Die Reputation des Anlagenbauers und Dienstleisters Ferrostaal ist stark gefährdet. Einige Mitglieder des Aufsichtsrats murren, weil der Vorstand bei der Aufklärung der Korruptionsvorwürfe seit Sommer 2009 angeblich unzureichend mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet habe und auch für Mitscherlich wird es eng. Am Donnerstag ist Hauptversammlung bei der früheren Ferrostaal-Mutter MAN in München und die Entlastung des Ferrostaal-Chefs, der bis Ende 2009 auch Mitglied des MAN-Vorstandes war, soll vertagt werden. Andererseits ist dieser Umstand, verglichen mit seinen sonstigen Problemen, eine Petitesse. Ein Mitscherlich und Korruption? "Wir schmieren aus Prinzip nicht" hat er immer gesagt. Wäre ja noch toller - bei diesen Eltern.
Der 1949 geborene Mitscherlich, der Jura studierte und Manager wurde, ist Sohn von Alexander und Margarete Mitscherlich, die als Psychoanalytiker arbeiteten und lehrten. Sie haben die Studentenbewegung stark beeinflusst. Ihre Werke wie "Die Unfähigkeit zum Trauern" fehlten in keiner anständigen Bibliothek. Schon als Jugendlicher verkehrte Matthias Mitscherlich mit Leuten wie dem Spiegel-Gründer Rudolf Augstein und dem Philosophen Jürgen Habermas, der bis heute ein väterlicher Freund geblieben ist. Über "Systemversagen" und "normative Korruption" hat Habermas alles Wesentliche gesagt und geschrieben. Hat Matthias Mitscherlich versagt?
Ein Foto zeigt ihn vor der Hauptverwaltung des Konzerns in Essen. Der große, hagere Mann verschränkt die Arme, aber er muss sich sichtlich für ein Lächeln nicht quälen. Die Mundwinkel sind nach oben gerichtet und die Augen strahlen Freundlichkeit aus. Das sieht man in diesen Kreisen nicht so oft. Seit 2003 steht Mitscherlich Ferrostaal vor. Im vergangenen Jahr hat er das Unternehmen in die Arme des neuen Mehrheitsaktionärs, des Staatsfonds IPIC aus Abu Dhabi geführt. Das war ein Kraftakt. Jetzt ist er die Hauptfigur in einem ungewöhnlichen Kriminalstück, das ganz viel Kraft erfordert.
Aussage bei der Staatsanwaltschaft
Die diversen Durchsuchungsbeschlüsse und auch die Haftbefehle gründen fast ausschließlich auf den Aussagen eines einzigen früheren Ferrostaal-Managers, der im Juli vergangenen Jahres festgenommen worden ist. Dem 59-jährigen Mann aus Schwaben, der Ende Februar 2009 nach vierzig Jahren bei Ferrostaal ausschied, wirft die Münchner Staatsanwaltschaft vor, er habe sich bei einem Geschäft mit Hochseeschleppern schmieren lassen und bei weiteren Geschäften zusammen mit Kumpanen heimlich mehrere Millionen Euro kassiert. Die Anklage gegen ihn und gegen drei weitere Personen umfasst 117 Seiten. Der Fall soll in Augsburg verhandelt werden.
Mitte Februar hat dieser Kaufmann, dessen Spezialgebiet der maritime Bereich ist, umfänglich bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt. Er belastete etliche der ehemalige Kollegen und behauptete, bei Ferrostaal sei Bestechung gewissermaßen systemimmanent gewesen. Mitscherlich sei ein "sehr intelligenter" Mann, der aber keine Hand für das operative Geschäft habe. War das Lob oder Tadel?
Der Fall ist kompliziert. Der in München einsitzende Ex-Ferrostaal-Manager packte wie ein Kronzeuge aus; er ist jetzt einer der elf Beschuldigten in dem neuen Verfahren. Aus Sicht von Ferrostaal handelt es sich um einen Kriminellen, der sich angeblich mit zum Teil erfundenen Geschichten an früheren Vorgesetzten wie Lesker rächen will.
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