FC-Bayern-Präsident Harakiri in Bad Wiessee

Mitte Januar sollen dann die beiden entscheidenden Tage gewesen sein. Am Morgen des 15. Januar saß Hoeneß mit seinem Freund Hans-Ulrich Jörges, der Mitglied der Stern-Chefredaktion ist, in Berlin im Café Einstein, Unter den Linden. Sie unterhielten sich über Politik - wie immer. Am Mittag traf sich Hoeneß mit der Kanzlerin zum Essen. Danach soll ihn die Bank Vontobel darüber informiert haben, dass ein Stern-Reporter im Zusammenhang mit einem Konto Fragen nach einer deutschen Sportgröße gestellt habe.

Er fragte nicht nach Hoeneß - aber vielleicht war er auf der richtigen Spur. Jörges sagt heute, er habe von der Recherche des Kollegen nichts gewusst. Hoeneß fragte ihn aber auch nicht danach. Stattdessen soll er noch am selben Tag den Steuerfahnder und seinen Steuerberater nach Hause gebeten haben, um Kriegsrat zu halten. Freunden hat er erzählt, dass er sich nach dem Gespräch mit der Kanzlerin endgültig entschlossen habe, die Selbstanzeige abzugeben. Am nächsten Morgen, es war ein Mittwoch, soll dann der Steuerberater nach Zürich geflogen sein, um die Unterlagen für die Selbstanzeige abzuholen.

Dort soll der Pressechef der Bank, Reto Giudicetti, in die Runde geplatzt sein. Der Stern-Mann hatte am Montag noch einmal schriftlich nachgefragt. Immer noch nicht auf der richtigen Spur, wieder nicht der Name Hoeneß, aber viele "Trifft es zu"-Fragen. Der Steuerberater soll dann gleich wieder zurückgeflogen sein. Ohne Unterlagen. Es brannte. Angeblich. Ob diese in München kolportierte Geschichte genau so war, ist nicht ganz klar. Aber die Quellen, die sie verbreiten, sind gewöhnlich nicht schlecht informiert.

Panik ohne Not

In Bad Wiessee sollen sich dann am Abend der Steuerberater, der Steuerfahnder und ein weiterer Anwalt mit Hoeneß zusammengehockt haben, um die Selbstanzeige zu formulieren. Zwei Konten, nur die Jahres-Endstände wurden saldiert. So eine Selbstanzeige ist Harakiri, selbst bei einer sehr hohen freiwilligen Abschlagszahlung. Sie soll bei gut neun Millionen Euro liegen.

Dabei wäre es leicht möglich gewesen, an jenem Mittwoch schon den Stern-Artikel zu besorgen. Die Geschichte deutete in keiner Zeile auf Hoeneß hin. Panik ohne Not. Selbst Jörges ist bei der flüchtigen Lektüre der Geschichte nicht in den Sinn gekommen, dass am Ende möglicherweise seinem Freund Hoeneß das geheimnisvolle Vontobel-Konto zuzurechnen war.

Am 17. Januar, einem Donnerstag, wurde dann frühmorgens die Selbstanzeige bei der Bußgeld-und Strafsachenstelle in Rosenheim eingereicht. Ein Steuerstrafverfahren wurde eingeleitet. Hoeneß' Haus wurde durchsucht, ein Haftbefehl wurde gegen Zahlung einer Kaution aufgehoben. Trotz des Steuergeheimnisses wusste bald das halbe Kabinett in München, dass gegen Hoeneß ermittelt wurde. Das ist ungewöhnlich. Indizien deuten darauf hin, dass Journalisten aus dem politischen Raum einen Tipp bekamen. Ganz sicher ist das noch nicht. Normalerweise schreiben Journalisten nie über Quellen, auch nicht über die anderer Journalisten, aber ein Tipp aus der Politik wäre schon ein Politikum.

Was für ein absurder Fall: Ausgerechnet Focus, dessen Herausgeber Helmut Markwort seit der Gründung der FC Bayern München AG im Aufsichtsrat sitzt, brach als erstes Blatt im Fall Hoeneß das Steuergeheimnis, und alles, was dann medial folgte, kam danach: "Jeder, jeder, jeder redet über ihn, weil das Steuergeheimnis verletzt worden ist", lamentierte Markwort im Deutschlandfunk. Man kann Mitleid mit dem Alten haben oder nicht, aber echtes Mitleid verdient der verirrte Fahnder.