SZ: Was ist Ihre Lebensversicherung dagegen?
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Mühling: Besonnenheit. Man muss schon ein Freak sein, um aus einem Flugzeug zu springen - nur aus Spaß an der Freude. Aber man muss auch besonnen sein. Denn ich weiß: Wer dem Tiger ungestraft auf den Schwanz treten will, muss atemlose Wachheit walten lassen. Der Sport übt einen großen Reiz aus: Mit jeder überwundenen Gefahr wächst die Persönlichkeit, das Selbstwertgefühl nimmt zu, die Anerkennung steigt. Da ist es wichtig, dass ein Springer weiß, wann er "nein" zu sagen hat.
SZ: Hilft ihm dabei die Angst?
Mühling: Angst muss dabei sein. Angst ist ein Warnsignal des Körpers, es sorgt dafür, dass die Springer hellwach sind.
SZ: Allzu furchtsam darf man wohl nicht sein, wenn man sich in die Tiefe stürzen will. Gibt es ein rechtes Maß der Angst?
Mühling: Angst hat viele Gesichter. Sie ist von Mensch zu Mensch verschieden. Respekt ist eine Facette, Panik eine andere - dazwischen gibt es Millionen Abstufungen. Wenn man springt, sollte man den Respekt vor der Sache nie verlieren, denn die Natur ist stärker als der Mensch. Wenn man aber panisch Angst davor hat rauszuspringen und merkt, dass man das gar nicht will, sollte man es lassen. Nicht jedes Nervenkostüm ist solchen Extrembelastungen gewachsen.
SZ: Wie gehen Sie mit der Angst um?
Mühling: Angst ist ein Spiegel. Wer Angst hat, stößt an seine Grenzen - und lernt sich dabei besser kennen. Wenn ich etwas riskiere, bewege ich mich in einem Grenzbereich. Die Frage ist, ob ich die Angst bewältigten kann oder ob sie mich übermannt. Es muss ja nicht immer die berühmte Reinhold-Messner-Grenze sein, die er am Berg erlebt. Es gibt Millionen Grenzen im täglichen Leben.
SZ: Menschen, die ständig ihre Grenzen testen, gelten als pubertär. Kümmert Sie das?
Mühling: Die Risikosuche hat nichts mit pubertären Spielchen zu tun. Es ist eine Sache der Evolution. Der Mensch will an seine Grenzen gehen. Wäre er nicht so gepolt, würde er heute noch in der Höhle sitzen und Tiere an die Wand malen.
SZ: Anleger, die mit ihrer ersten Spekulation Erfolg hatten, riskieren beim nächsten Mal gern mehr.
Mühling: Das ist normal.
SZ: Aber an der Börse ist der Absturz programmiert, wenn ich in großer Selbstgewissheit immer mehr wage.
Mühling: Ja, klar. Irgendwann kommt es immer zum Kollaps. Aber wann ist das Risiko zu viel? Der Mensch will das wissen. Er wird erst vorsichtig, wenn er sich die Finger verbrannt hat. Je schlimmer die Erfahrungen sind, desto vorsichtiger wird er in einer vergleichbaren Situation. Ein 15-Jähriger geht vielleicht noch mit einer gewissen Unbedarftheit ran. Wenn er sich bei Klippensprüngen in die Tiefe den Rücken blau gehauen hat, überlegt er das nächste Mal, ob er den Sprung riskieren soll.
SZ: Muss es immer wehtun?
Mühling: Die Frage ist doch: Wie betreibt man den Sport? Ich wäge die Risiken gegen das eigene Können ab. Ich kann schon fast garantieren, dass der Sprung von einer Brücke oder einem Windrad perfekt läuft, weil ich die nötige Erfahrung habe. Springe ich aber von einer Felswand, die wenig Überhang hat, dann weiß ich: Wenn ich das nicht sauber ausführe, wird mich der Berg treffen. Wenn ich bei Sturm starte und mit meinem Fallschirm zum Spielball der Naturgewalten werde, dann gehe ich ein sehr hohes Risiko ein. Dabei muss ich mich auf mein Glück verlassen.
SZ: Wo bewegt man sich auf der Skala zwischen Können und Glück?
Mühling: Schwierig zu sagen. Jeder Sprung muss genau berechnet und gut organisiert sein. Lediglich der Wind lässt sich nicht vorausplanen. Vielleicht rede ich mir ja die Bedingungen schön. Auch der Anleger sucht das Risiko, weil er sich einen hohen Profit verspricht, und redet sich die Dinge schön. Er investiert trotz des Sturms und vertraut auf sein Glück.
SZ: Und wenn es schief geht, war der Anlageberater schuld.
Mühling: Wenn die Spekulation misslungen ist, wollen die Leute nicht mit den Konsequenzen leben. Das ist auch beim Extremsport so. Einige Sportler sind bereit, alles zu riskieren - das behaupten sie zumindest. Aber eigentlich sind sie gar nicht willens, alle negativen Folgen hinzunehmen. Plötzlich ist das Erwachen groß, wenn sie nach einen Fallschirmsprung mit gebrochenem Bein in der Wiese liegen. Solche Menschen haben nie an das Versagen geglaubt.
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(SZ vom 17.12.2008/tob)
Schon konstruiert die Parallele zwischen Anlegern und Fallschirmspringern. Da könnte man genauso gut einen Einhandsegler oder einen Messerwerfer nehmen.