Fahrgastverband Pro Bahn "Wir werden die Bahn weiter kritisieren"

Er kämpft für die Rechte von Bahnfahrern - und will sich dafür in Zukunft von der Bahn selbst bezahlen lassen. Der Fahrgastverband Pro Bahn soll in den nächsten drei Jahren bis zu 340.000 Euro von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG erhalten.

Von Daniela Kuhr, Berlin

Karl-Peter Naumann gilt als engagierter Kämpfer für die Rechte von Bahnfahrern. Der langjährige Bundesvorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn meldete sich stets zu Wort, wenn es bei der Deutschen Bahn wieder einmal etwas anzuprangern gab: seien es überzogene Preiserhöhungen, Verspätungen oder milliardenschwere Zukäufe. Sogar bei der Bahn schätzte man Naumann, da seine Kritik meist als konstruktiv empfunden wurde.

Auch jetzt noch meldet sich Naumann zu Wort - obwohl er im März, nach 16 Jahren an der Spitze von Pro Bahn, den Bundesvorsitz abgab und Ehrenvorsitzender wurde. Das Problem ist nur: Inzwischen verursachen seine Beiträge bei einigen Mitgliedern des Verbandes regelrecht Bauchschmerzen. Denn sie haben erhebliche Zweifel an Naumanns Unabhängigkeit. Darüber ist der Verband mittlerweile tief zerstritten.

Erhebliche Unruhe

Alles begann damit, dass Naumanns hauptberufliche Stelle in einem pharmazeutischen Labor im Frühjahr gestrichen wurde. Da er sich mit damals 61 Jahren zu jung für den Ruhestand fühlte, verhandelte er mit Bahnchef Rüdiger Grube über einen Beratervertrag. Grube war zunächst auch bereit dazu, doch dann verhielt sich Naumann ungeschickt. Einerseits redete er offen über seine Pläne, die Seiten zu wechseln, zum anderen aber wollte Bundesvorsitzender von Pro Bahn bleiben, bis der Vertrag unterzeichnet sei. Bedenken wegen des darin liegenden Interessenkonflikts teilte er nicht. Grube nahm schließlich von dem Vorhaben Abstand. Im Verband sorgte der Vorfall für erhebliche Unruhe. Sie legte sich erst, als Naumann auf den Bundesvorsitz verzichtete und sich mit dem Ehrenvorsitz begnügte. Lange sollte die Ruhe nicht währen.

In einigen Landesverbänden sieht man jetzt die Glaubwürdigkeit von Pro Bahn erneut in Gefahr. Grund ist eine geplante Kooperation zwischen dem Fahrgastverband und der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG. Demnach will die neue Pro-Bahn-Spitze Naumann nun für drei Jahre fest anstellen und ihm ein Gehalt zahlen. Das ist insofern ungewöhnlich, als fast alle bei dem Verband ehrenamtlich arbeiten.

Gefühl von Unabhängigkeit

Naumanns Aufgabe wäre es, im Auftrag der EVG umfassend zu untersuchen, wie sich die Sicherheit von Fahrgästen und Bahnpersonal verbessern lässt. Sowohl Naumanns Gehalt als auch die Kosten für das Projekt würden von der EVG gezahlt. Konkret geht es um 340.000 Euro, wie ein EVG-Sprecher bestätigt. Aus seiner Sicht ist an dem Projekt nichts anrüchig, da das Thema Sicherheit Personal und Bahnkunden gleichermaßen betreffe. "Pro Bahn kann hierzu einen entscheidenden Beitrag leisten." Auch Naumann sieht das so: " Es gibt immer wieder Fahrgäste, die sich zu bestimmten Uhrzeiten in der Bahn unsicher fühlen. Gleichzeitig steigen die Übergriffe auf Bahnpersonal", sagt er der SZ. Er wolle nun eine Lösung suchen.

Stutzig kann man allerdings werden, wenn man sich anschaut, woher die EVG das Geld für das Projekt nimmt: aus dem "Fonds zur sozialen Sicherung". Der soll Bahnangestellte sozial absichern - und wird von der Bahn finanziert.

Mit anderen Worten: Kommt alles wie geplant, wird Pro Bahn in den nächsten drei Jahren 340.000 Euro erhalten - die zumindest mittelbar von der Bahn stammen. "Damit wird es extrem schwer, uns noch als unabhängigen Verband darzustellen", fürchtet ein Mitglied. Auch diesmal teilt Naumann die Bedenken nicht. "Die Bahn hat das Geld zwar zur Verfügung gestellt, aber bestimmt ja nicht über die konkrete Verwendung." Er fühle sich nach wie vor unabhängig - und werde "die Bahn auch weiter kritisieren".