Fachärzte gegen Hausärzte Chaostage in der Ärzteschaft

Fachärzte gegen Hausärzte: Chaostage bei den Weißkitteln

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Intrigen, Niedertracht und Neid bestimmen die Debatten in den beiden wichtigsten Organisationen.

Kommentar von Guido Bohsem

In der Ärzteschaft herrschen derzeit Chaostage. Ein Dreiklang aus Intrigen, Niedertracht und Neid bestimmt die Debatten in den beiden wichtigsten Organisationen. So zerlegt sich die Bundesärztekammer (BÄK) gerade in einem aggressiven Streit übers Geld. Genauer gesagt, über die Honorare, die künftig bei der Behandlung von Privatpatienten fließen sollen. Dieser Zoff ist aber nur Kinderkram im Vergleich zu den Zuständen bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die Organisation steht wegen allerlei finanzieller Ungereimtheiten im Feuer. Doch statt die Flammen entschlossen auszutreten, ficht die KBV lieber einen zermürbenden Kleinkrieg zwischen Hausärzten und Fachärzten. Die regionalen Unterorganisationen mosern immer lauter, rufen zum offenen Putsch gegen die Vorstände auf. Manch ein Funktionär schreckt dabei auch vor Unappetitlichkeiten nicht zurück: In Telefonaten mit Familienmitgliedern des KBV-Chefs wurde dringend empfohlen, dem Mann den Rücktritt nahezulegen.

In der Politik gelten beide Organisationen derzeit nicht als verlässliche Ansprechpartner. Das Gesundheitsministerium erwartet von der Ärztekammer seit Monaten vergebens einen abgestimmten Entwurf der neuen Gebührenordnung. Die oberste Gesundheitsexpertin der Union will gar nicht mehr mit der KBV sprechen. Sie hält die Organisation für politisch unzuverlässig und hinterhältig. Kein Wunder, dass die großen Gegenspieler der Ärzte, die Krankenkassen, angesichts des KBV-Desasters frohlocken.

Die Misere schadet auch den Patienten

Jedoch gibt es keinen Anlass zur Schadenfreude. Die Misere der KBV schadet nicht nur den Ärzten, sondern auch den Patienten. Weil die Funktionäre vor allem mit sich selbst beschäftigt sind, kommt der notwendige Umbau des Gesundheitswesens nicht voran. Schließlich werden in den nächsten Jahren viele Hausärzte in den Ruhestand gehen, ohne dass es Nachfolger in ausreichender Zahl geben wird. Weil es aber gleichzeitig auch immer mehr alte Patienten mit vielfältigen Krankheiten gibt, braucht das Land eher mehr Mediziner als weniger.

Die Telemedizin könnte ihren Beitrag leisten. Doch hierfür fehlen die Voraussetzungen, auch wegen der Ärzte. Zu lange hat die KBV zum Beispiel die digitale Infrastruktur im Gesundheitswesen blockiert. Derzeit steht sie in der Landschaft wie die Ruinen der Autobahnbrücken, die in den 1970er-Jahren gebaut und niemals angeschlossen wurden.

Viel wichtiger noch wäre es, wenn die KBV für ein neues Denken sorgen würde. Statt wie bislang vor allem die Interessen des Arztes in der Einzelpraxis zu befördern, müsste die junge Generation stärkeres Gehör finden - und die ist weiblich und arbeitet teamorientiert. Die jungen Medizinerinnen und Mediziner wollen nicht mehr als Einzelkämpfer unterwegs sein. Ihnen ist es wichtig, den stressigen Job mit den Bedürfnissen ihrer Kinder vereinbaren zu können.

Die junge Generation bleibt außen vor

Doch finden ihre Anliegen kaum jemals Beachtung in der Funktionärsschicht. Denn anstatt sich wirklich um die Frage zu kümmern, wie die Versorgung in zehn Jahren aussieht, fechten die älteren Herrn in den Vertreterversammlungen lieber weiter ihre tradierten Streitigkeiten aus. Die junge Generation bleibt außen vor, auch weil sie sich von den Kabalen und Ränkespielen der Altvorderen angewidert abwendet.

Am Anfang der Jahrtausendwende ist viel darüber diskutiert worden, die Kassenärztlichen Vereinigungen komplett abzuschaffen. Derzeit ist eine solche Forderung jedoch illusorisch, weil politisch nicht durchsetzbar. Kaum ein namhafter Gesundheitspolitiker würde sich dafür starkmachen. Sogar die Kassen würden lieber mit als ohne KBV weitermachen.

Notwendig ist deshalb eine innere Reform der Organisation in vier Punkten. Zwingend geboten ist erstens ein höheres Ausmaß an Professionalität. Die Vorstandsvorsitzenden sollen nicht mehr aus den Reihen der Ärztevertreter gewählt werden. Besser ist es, sie mit unabhängigen Experten zu besetzen, mit Gesundheitsökonomen oder Juristen. Die Organisation muss zweitens gezielte Nachwuchsförderung betreiben und die junge Medizinergeneration konsequent einbinden. Drittens sollte sich die KBV zu einem Vorreiter für moderne Formen des Ärzteberufs machen und stärker auch für angestellte Ärzte in Medizinischen Versorgungszentren oder Ärztenetzen eintreten. Viertens muss die KBV ihre Opferrolle ablegen, die sie seit Langem pflegt, wenn es um die Honorare geht ("Wir liegen an der Kette der Kassen"). Denn die übertrieben negative Darstellung lässt immer wieder auch berechtigte Anliegen in einem fragwürdigen Licht erscheinen.