Facebook Mittendrin oder nur dabei?

Stadien in den USA werden technisch aufgemotzt. Facebook hält mit einem virtuellen Stadion dagegen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Bescheidenheit ist nicht die hervorstechendste Tugend des Vivek Ranadivé. Der in Indien geborene Milliardär darf sich diese kleine Schwäche jedoch leisten, hat er doch bereits zwei Branchen grundlegend verändert: In den 1980er-Jahren hat er mit seiner Firma Teknekron Software Systems die Digitalisierung der Wall Street vorangetrieben, 20 Jahre später mit dem Unternehmen Tibco Software die Dauerversorgung der Menschen mit Nachrichten in Echtzeit angestoßen. Nun hat er wieder große Pläne, diesmal als Besitzer des Basketballvereins Sacramento Kings: Er will die kalifornische Hauptstadt "zur großartigsten Stadt der Welt machen" und den Klub zum besten der Profiliga NBA. Und noch etwas: "Wir bauen gerade das schlaueste Gebäude auf diesem Planeten."

Golden 1 Center heißt die futuristische Arena, sie kostet mehr als 500 Millionen Dollar und soll zur neuen Spielzeit im Herbst fertig sein. Immerhin ein Jahr früher als zunächst geplant, auch das gibt es. Die Außenwand aus Karbon und Glas wirkt ein bisschen wie das Stadion im Computerspiel Speedball 2, es soll ein energieeffizientes Selbstversorger-Stadion sein, in dem nur Essen serviert wird, das in der Nähe von Sacramento angebaut und verarbeitet worden ist. Für die 17 500 Zuschauer soll es 1000 Wlan-Hot-Spots geben. Im Stadion der San Francisco 49ers, das als modernste Sportstätte der Welt gilt und in dem das Endspiel der Footballliga NFL ausgetragen wird, gibt es 1200 solcher Knoten für 70 000 Menschen. Übersetzt für Menschen unter 30 Jahren bedeutet das: Die Arena in Sacramento kann gut 500 000 Snapchats - also nach kurzer Zeit selbst löschende Fotos - pro Sekunde verarbeiten.

Doch Ranadivé geht noch weiter. Viel weiter. "Die Arena wird dich sofort erkennen, wenn du sie betrittst - falls du erkannt werden willst", sagt er. Der Besucher brauche kein Ticket mehr, er werde über Augmented-Reality-Programme auf dem Smartphone zum Platz geführt, er könne sich per Textnachricht eine Biowurst auf Ökobrötchen bestellen oder sich per App darüber informieren, wo er die nächste freie Toilette finden kann. "Möglich sind auch Security-Roboter; Armlehnen, an denen das Handy aufgeladen wird; Drohnen, die beim Einparken helfen. Und Virtual-Reality-Brillen, durch die Fans den Blickwinkel des Trainers einnehmen."

Die Technologiebranche hat nicht nur den Profisport für sich entdeckt, sondern auch die Menschen, die sich dafür begeistern: Am kommenden Wochenende werden weltweit 160 Millionen Menschen den Super Bowl verfolgen, pünktlich dazu hat auch Facebook ein Stadion errichtet. Und da es um Facebook geht, ist es kein Gebäude aus Stein und Mörtel oder Karbon und Glas, sondern eine virtuelle Arena. Bescheidenheit ist auch bei Facebook fremd, Produktmanager Steve Kafka strengt für das Projekt einen Superlativ an: "Mit 650 Millionen angemeldeten Sportfans ist Facebook das größte Stadion der Welt". Am Sonntag soll diese Arena wenigstens etwas gefüllt sein, bislang können es nur iPhone-Nutzer aus den USA "betreten".

"Es soll sich anfühlen, als würdest du das Spiel mit deinen Freunden sehen."

Was auch während Angelique Kerbers Australian-Open-Tennissieg oder dem Finale der Handball-Europameisterschaft zu sehen war: Noch ist Twitter die Anlaufstelle für Live-Konversationen bei Sportveranstaltungen. Doch genau dort greift Facebook seinen ewigen Verfolger nun an: Es gibt eine Art Liveticker zur gewählten Partie, dazu vereinzelt Videos von Spielszenen und Statistiken. Über einen Chat kann sich der Nutzer mit seinen Freunden über das Spiel unterhalten oder die Live-Kommentare von Experten lesen. Das soziale Netzwerk will also die Illusion erzeugen, dass - obwohl man nur auf der Couch sitzt und eine Veranstaltung im Fernsehen guckt - die besten Freunde auf der einen Seite hocken, die Lieblingskommentatoren auf der anderen und ein allwissender Statistik-Guru in der Reihe davor. "Es soll sich anfühlen, als würdest du das Spiel mit deinen Freunden sehen", sagt Kafka.

Ziel dürfte es sein, die Nutzungsdauer zu erhöhen, aber auch einen weiteren, überaus lukrativen Markt zu erschließen. Mit "Daily Fantasy Sports", einer Art täglichem Tippspiel für Fortgeschrittene, werden in den USA 2,6 Milliarden Dollar pro Jahr umgesetzt, in vier Jahren sollen es einer Prognose von Eilers Research zufolge mehr als 14 Milliarden sein. Dazu kommen Sportwetten, die in zahlreichen US-Bundesstaaten zwar nicht erlaubt, über von außerhalb angebotene Online-Angebote aber meist geduldet werden. Bei einer Legalisierung, für die sich etwa Ranadivé oder NFL-Chef Roger Goodell einsetzen, dürfte es nicht nur lohnenswert sein, den Sportfans eine virtuelle Arena zu bieten, sondern auch den Zugang zu einer der Fantasie-Ligen wie Draftkings und Fanduel oder auch einem Wettbüro.

Das gilt übrigens auch für Ligen und Turniere weltweit, weshalb das NFL-Finale nur der Beginn sein soll, schließlich gibt es in diesem Jahr noch Olympische Spiele sowie mit Europameisterschaft und Copa América Centenario zwei wichtige Fußballturniere. Spätestens zu diesen Großereignissen will Facebook die Anlaufstelle für Sportfans sein, dazu auch für Bundesliga-Partien, Tennisturniere und Boxkämpfe. Wenn Veranstaltungen nicht mehr nur im Fernsehen gezeigt werden, sondern auch per Streaming verfügbar sind, zahlreiche Sender wie ESPN oder Sky bieten das bereits an, dann ist das die komplette Virtualisierung des Stadionbesuchs: ohne Bier, Würstchen und randalierende Fans - aber eben auch ohne Stimmung, die dann doch nur in einer wirklichen Arena entsteht.

Genau davor warnt Mark Cuban, der Besitzer von Dirk Nowitzkis Verein Dallas Mavericks und sonst für jede technologische Neuerung zu haben. "Innerhalb der Arena kann Technologie auch kontraproduktiv sein. Wenn der Ball im Spiel ist, dann sollen die Zuschauer ihre Telefone in die Taschen stecken". Das Faszinierende an einem Besuch im Stadion sei doch, dass sich wildfremde Menschen in den Armen liegen oder verzweifelt unterhalten, warum es diesmal nicht geklappt hat. Diese Energie müssen wir erhalten, es ist der wertvollste Aspekt unseres Produktes."

Ranadivé sieht das anders: "Es können nur knapp 18 000 Menschen zu einem Spiel kommen." Er aber will mehr. Viel mehr. NextVR und Qualcomm stellten kürzlich auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas eine Technologie vor, bei der sich Sportfans über eine Virtual-Reality-Brille so fühlen können, als säßen sie in der ersten Reihe. Gezeigt wurde eine Partie der Basketballliga NBA, es funktionierte erstaunlich flüssig und ließ Ranadivés Arena der Zukunft kurzzeitig so wirken wie etwas, das bald schon wieder Vergangenheit sein könnte. Ranadivé ist jedoch begeistert von solchen Neuerungen: "Das wird nur dafür sorgen, dass noch mehr Menschen ein Spiel live erleben wollen - und zwar im schlauesten Gebäude der Welt, wo nicht nur Basketball gespielt werden wird. Die berühmtesten Popstars werden sich darum reißen, in dieser Arena auftreten zu dürfen. Es wird das Kolosseum des 21. Jahrhunderts." Bescheidenheit ist eben eine Zier.