Facebook geht an die Börse Ist Facebooks Geschäftsmodell 100 Milliarden Dollar wert?

Es gibt zwei Varianten, die Geschichte von Facebook zu erzählen. Die eine handelt vom amerikanischen Traum unter den Palmen des Silicon Valley, vom brillanten Jungunternehmer Zuckerberg, der die Kommunikation revolutioniert und Menschen als "Freunde" zusammenbringt. Dafür wird er entlohnt, indem er den größten Börsengang einer Internet-Firma in der Geschichte und sich und seine Freunde zu Milliardären macht.

Andere erzählen eine hässlichere Geschichte: Sie kritisieren das Papier als "Sektenaktie". Das Unternehmen lebe nur vom Hype, ihm fehle das Geschäftsmodell.

Die Einnahmen kommen bisher praktisch ausschließlich aus Werbung. Die soll maßgeschneidert an jeden Nutzer gehen - schließlich ließen all die persönlichen Infos, mit denen sie das Netzwerk füttern, Rückschlüsse auf persönliche Vorlieben zu. Doch viele Unternehmen sind unsicher geworden, was Anzeigen auf Facebook ihnen wirklich bringen. Erst am Mittwoch wurde bekannt, dass der Autokonzern General Motors ernsthaft erwägt, keine bezahlten Anzeigen mehr auf den blauen Seiten zu schalten.

Zudem hat Facebook ausgerechnet das schnelle Wachstum des Mobilmarktes lange verschlafen. Anzeigen auf Smartphones liefert das Unternehmen erst seit kurzem aus. Im Börsenprospekt, den das Unternehmen bei der amerikanischen Börsenaufsicht einreichte, steht: "Derzeit erzeugen wir keinerlei nennenswerten Umsatz mit Facebooks mobilen Produkten." 2011 verkauften Handy-Hersteller in Deutschland 26 Prozent mehr Smartphones als im Jahr zuvor. Erstmals lagen die Verkäufe der Alleskönner-Telefone höher als die klassischer Handys. Eine weitere Frage ist, wie lange die Begeisterung der Menschen für Facebook noch anhält. Zwar wuchsen die Nutzerzahlen 2011 noch einmal deutlich an, aber nicht mehr in so wahnsinnigem Tempo wie zuvor. Durchgehend steigendes Wachstum gibt es selbst bei Facebook nicht mehr. Im ersten Quartal 2012 gingen Umsatz und Gewinn erstmals zurück.

Sind wir in einer neuen Internet-Blase?

Facebook soll es nicht so gehen wie einem anderen Online-Netzwerk, das einst an die Börse ging, boomte und dann in kurzer Zeit auseinanderfiel. In der New-Economy-Hysterie Ende der neunziger Jahre waren kurzzeitig astronomische Gewinne mit Technologie-Aktien möglich - und später noch viel höhere Verluste. Ein berühmtes Beispiel aus den USA ist theglobe.com. Die frühe Community-Website schaffte es, Investoren von sich zu überzeugen. Mit einem Aktienkurs von neun Dollar ging theglobe.com am 13. November 1998 an die Börse. Noch am selben Tag schoss er um mehr als sechshundert Prozent in die Höhe. Doch außer der Geldgier ihrer jungen Gründer hatte das Unternehmen kein Geschäftsmodell, genau wie viele andere Dotcom-Firmen.

Die Blase platzte, viel Geld wurde vernichtet. Nur die Investoren verdienten gut, wenn sie beim Börsengang Aktien gekauft und sie auf dem Höhepunkt des irrational hohen Kurses wieder abgestoßen hatten. Die Party dauerte nicht einmal zwei Jahre, dann wollte niemand die Start-up-Aktien mehr haben, weil die Netz-Firmen kein Geld verdienten. Die Aktie von theglobe.com existiert immer noch - als leere Hülle mit einem Kurs zwischen einem und zwei Cent.

Ob es im Moment eine neue Internet-Blase gibt, die irgendwann platzt, ist umstritten. Die Begeistertung um Facebook und Co. erinnert an die neunziger Jahre. Manche vergleichen es mit dem Showbusiness des Mainstream-Pop: viel Entertainment ohne solide Grundlage, auf der Suche nach einzelnen, großen Hits - so wie Facebook einer sein soll. Doch im Unterschied zu damals wissen Investoren in der Regel heute nicht nur mehr über die Websites, in die sie investieren. Sie sind auch mit dem Internet als solchem vertraut und haben ein besseres Gespür dafür, wie es funktioniert. Ende der neunziger Jahre war es eine Technologie, die viele nicht verstanden. Heute würden nur wenige blind in halbseidene Unternehmen investieren, nur weil deren Besitzer die Endung ".com" an den Firmennamen gehängt haben. Außerdem schaffen es Unternehmen wie Facebook im Gegensatz zu theglobe.com nicht nur, Nutzer anzuziehen, sondern erzeugen auch durch Anzeigen Umsatz.

Aus den aktuellen Börsengängen beliebter Netzfirmen lässt sich kein Trend ableiten. Während das Schnäppchen-Portal Groupon seit seinem Start vor einem halben Jahr mehr als die Hälfte des Börsenwertes verloren hat, stieg der Aktienkurs des Business-Netzwerks LinkedIn im ersten Jahr um mehr als 15 Prozent.

Linktipp: Wer wird Milliardär? Die Frage, wer mit Facebooks Börsengang am meisten Geld macht, hat das SZ-Magazin beantwortet.

*) Hinweis: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Handelsstart in Deutschland sei um 15.30 Uhr. Die Deutsche Börse hat die Zeit mittlerweile auf 17 Uhr korrigiert.