Von Sibylle Haas und Caspar Dohmen

Die Finanzkrise ist bei den deutschen Unternehmen angekommen: Die Exporte gingen so stark zurück wie seit fünf Jahren nicht mehr. Erste Firmen haben Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen, drosseln ihre Produktion und verschärfen ihre Sparmaßnahmen.

Die deutsche Exportwirtschaft gerät in den Sog der Finanzkrise. Im August gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts den stärksten Ausfuhrrückgang seit fünf Jahren. Unternehmen drosseln ihre Produktion und verschärfen ihre Sparmaßnahmen. Wirtschaftsverbände sind besorgt.

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Die deutschen Exporte gehen zurück - so stark wie seit fünf Jahren nicht mehr. (© Foto: ddp)

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Die Banken verlangen mehr Sicherheiten

"Die Folgen der Finanzmarktkrise und der weltweiten Konjunkturabschwächung hinterlassen erste Bremsspuren beim deutschen Außenhandel", sagte der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Anton Börner, am Donnerstag in Berlin. Deutsche Firmen lieferten im August Waren im Wert von 75,7 Milliarden Euro ins Ausland, 2,5 Prozent weniger als vor einem Jahr, zeigen vorläufige Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes. Dies ist nach Angaben der Statistiker der stärkste Rückgang seit fünf Jahren.

Wirtschaftsverbände sehen zwar noch keine Kreditklemme, betonen aber die Unsicherheiten an den Finanzmärkten. "Es ist entscheidend, dass alle Hebel in Gang gesetzt werden, um die Finanzmärkte zu beruhigen", sagte Börner mit Blick auf die koordinierten Zinssenkungen einiger Notenbanken am Vortag. Für einige Firmen haben sich die Konditionen der Kreditvergabe bereits verschlechtert, zeigt eine Firmenumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). "Banken verlangen jetzt mehr Sicherheiten oder Risikozuschläge", erklärte der DIHK. Dies treffe auf etwa ein Viertel der Betriebe zu.

Auch in der exportorientierten Metall- und Elektroindustrie sind erste Auswirkungen der Krise spürbar. Der Präsident des Branchenverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser sagte, es werde für mittelständische Firmen trotz der verbesserten Eigenkapitalausstattung immer schwieriger, an Kredite zu kommen.

Autozulieferer steuern in massive Krise

"Das hat aber noch nicht zum Dammbruch geführt. Das Thema bekommt jedoch wachsende Bedeutung in unserer Industrie", sagte Kannegiesser. Einzelne Zweige der Branche steuerten bereits in eine massive Krise. Vor allem die Autozulieferer litten unter einem enormen Preisdruck und hohen Kostensteigerungen.

Der Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) meldet eine Absatzkrise. In den ersten neun Monaten 2008 seien in Europa deutlich weniger Autos als im Vorjahr verkauft worden. Vor allem die Hauptmarke Opel und die schwedische Schwestermarke Saab schwächelten. Grund für den Rückgang sind laut GM die weltweite Finanzkrise, die Kreditklemme und die hohe Inflation. GM werde seine Produktion und Kosten anpassen.

Opel hatte vor wenigen Tagen einen Produktionsstopp in nahezu allen europäischen Werken bekanntgegeben. Auch Zulieferfirmen sind betroffen. Am Donnerstag hat der Lkw-Zulieferer SAF-Holland wegen der Finanzkrise seine Umsatzprognose für 2008 kräftig nach unten gefahren. Der Kolbenspezialist Mahle rechnet dieses Jahr mit einem Gewinnrückgang wegen der Finanzkrise.

Weniger Geschäftsreisen

Der Softwarekonzern SAP, bei dem die Nachfrage deutlich zurückgeht, hat umfassende Sparmaßnahmen beschlossen. Offene Stellen würden vorerst nicht besetzt, Reisen zwischen den Standorten reduziert, Dienstwagen überprüft, teilte SAP am Donnerstag mit. Außerdem würden Dienstreisen nur noch in der Economy-Klasse genehmigt und Mitarbeiter aufgerufen, auf Urlaubstage zu verzichten.

Auch der Konsumgüterhersteller Henkel tritt auf die Kostenbremse. Alle Aktivitäten, die nicht direkt für das Geschäft wichtig seien, würden im vierten Quartal gestrichen oder zumindest verschoben, schreibt der Henkel-Vorstand in einer E-Mail an seine weltweit 55000 Beschäftigten. Investitionen für IT-Projekte sollen so weit wie möglich eingefroren werden.

"Es geht um eine Sensibilisierung der Mitarbeiter für die Kosten", sagte ein Sprecher. Angesichts der aktuellen Entwicklung müssten alle Unternehmen darauf achten. Betroffen sind auch interne Weiterbildungsprogramme, ebenso wie Reisen ohne Kundenbesuche, Weihnachtsessen oder Beratungsausgaben. Schon seit Februar läuft bei Henkel ein Kostensenkungsprogramm.

DGB will staatliches Eingreifen

Die größte deutsche Fluggesellschaft Lufthansa bleibt von den Folgen der Finanzkrise und dem Sparkurs vieler Unternehmen ebenfalls nicht unberührt. "Die Vorausbuchungen bei Geschäftsreisen sind rückläufig. Es handelt sich aber nicht um einen Einbruch", sagte eine Lufthansa-Sprecherin.

Eine staatliche Beteiligung an deutschen Banken nach britischem Vorbild darf nach Ansicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) kein Tabu sein. "Derzeit ist das noch kein Thema, weil unsere Banken vergleichsweise gut dastehen", sagte DGB-Chefökonom Dierk Hirschel der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Situation sei aber kritisch. Der Staat müsse einschreiten, wenn die Banken die Wirtschaft nicht mehr hinreichend mit Geld versorgen könnten. "Wenn staatliche Nothilfen für Kreditinstitute notwendig werden, dann nur gegen eine Eigentumsübertragung und Kontrolle über die Geschäftspolitik", sagte Hirschel.

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(SZ vom 10.10.2008/jkr)