Exportmacht Bundesrepublik Warum Deutschland ein neues Wirtschaftswunder erlebt

Deutschland hat 2011 Waren im Wert von mehr als einer Billion Euro exportiert. Die deutsche Wirtschaft stößt damit in eine neue Dimension vor. Experten halten es längst nicht mehr für übertrieben, vom neuen deutschen Wirtschaftswunder zu reden. Doch die Bundesrepublik ist auch einer der größten Profiteure der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise.

Von Markus Balser

Wo Martin Herrenknecht, 69, auftaucht, geht es ziemlich steil nach unten. Der Familienunternehmer aus Baden ist der weltweit gefragteste Exporteur von Tunnelbohrmaschinen. Was exotisch klingt, entwickelt sich gerade zum Milliardengeschäft. Denn wenn irgendwo auf dem Globus U-Bahnen gebaut, Bahnlinien und Straßen oder Pipelines durchs Erdreich oder Gebirge getrieben werden, wühlen meist die bis zu fünfzehn Meter langen Riesenbohrer des Mittelständlers aus Schwanau.

Herrenknechts Firma steht derzeit wie kaum eine andere für eine wundersame Erfolgsgeschichte made in Germany. Erst vor gut zehn Jahren startete seine Aktiengesellschaft das Abenteuer China. Heute steht der Markt in Fernost für ein Drittel des Umsatzes von einer Milliarde Euro.

Vergangene Woche posierte Herrenknecht plötzlich mit Angela Merkel (CDU) und Chinas Premier Wen Jiabao beim Staatsbesuch der Kanzlerin in seiner brummenden Bohrer-Werkshalle vor einem schwarz-rot-goldenen Stahlriesen. Es gehe in China halt viel schneller voran als daheim, sagt der Unternehmer. Von seinen 4000 Beschäftigten arbeiten inzwischen 850 in China. "Stuttgart 21 hätten die Chinesen längst gebaut", sagt Herrenknecht.

Ob China, Brasilien oder Indien: Überall auf der Welt sind Produkte aus Deutschland derzeit so gefragt wie nie. Autobauer, Maschinenhersteller oder Zulieferer für Kraftwerks- und Umwelttechnik - noch nie haben Großkonzerne und Mittelständler zwischen Freiburg und Rostock so viele Produkte ins Ausland geliefert wie 2011. Erstmals knackten die Exporte die Umsatzmarke von einer Billion Euro, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mit. Die deutsche Wirtschaft stößt damit in eine neue Dimension vor.

Das neue deutsche Wirtschaftswunder

Experten halten es längst nicht mehr für übertrieben, vom neuen deutschen Wirtschaftswunder zu reden. Denn was sich seit Monaten in deutschen Konzernzentralen und Werkshallen abspielt, hat niemand auch nur in Ansätzen kommen sehen. Während sich die meisten Länder deutlich langsamer von der Finanz- und Wirtschaftskrise erholen, die als die schlimmste seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 gilt, brummen hiesige Fabriken.

Die Folge: 41 Millionen Deutsche sind heute in Lohn und Brot. Die Arbeitslosenzahl sank auf unter drei Millionen und damit auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. In der Krise erweist sich als Vorteil, dass Deutschland anders als etwa Großbritannien - wo man sich auf Banken und Finanzdienste konzentrierte - eine Industriebasis pflegte. Die deutschen Exporte hätten in einem Jahrzehnt um etwa ein Fünftel zugelegt und machten nun mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung aus, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt des Allianz-Konzerns.