Panama Papers Ex-Siemens-Vorstand: Teure Umwege

Jürgen Radomski war für die Einhaltung von gesetzlichen Regeln zuständig. Jetzt taucht sein Name bei merkwürdigen Geldtransfers auf.

Von Hans Leyendecker, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer

Leute wie Jürgen Radomski nennt man bei Siemens "echte Siemensianer". Menschen, die ihr Berufsleben in dem Münchner Weltkonzern verbracht haben: Treu. Verlässlich. In fünf Jahrzehnten hatte sich der heute 74-jährige Manager vom Lehrling nach ganz oben hochgearbeitet: Er wurde Arbeitsdirektor, Mitglied des Gesamtvorstands der Siemens AG und schließlich, von November 1994 bis Ende 2007, Mitglied des Zentralvorstands. Als Personalchef des Konzerns war er ein mächtiger Mann.

Legendär war jene Veranstaltung im Berliner Estrel-Hotel, einem gewaltigen Betonklotz in der Hauptstadt, am 19. November 2006. Radomski redete vor 600 Siemens-Betriebsräten der Jahrestagung. Er war der Hauptredner. Vierzehn Tage zuvor hatten Hunderte Polizisten und knapp dreißig Staatsanwälte aus mehreren Ländern Siemens heimgesucht. Sie ermittelten, wie sich später herausstellte, in einem der größten Korruptionsfälle der Wirtschaftsgeschichte. Auf der Tagung in Berlin attackierte Radomski angebliche Nestbeschmutzer in den eigenen Reihen und mahnte die Arbeitnehmervertreter zur Solidarität gegen Angriffe von außen. "In Reue fest, die Reihen eng geschlossen?" fragte der Spiegel spöttisch.

Die Panama Papers enthüllen viele intransparente Geldflüsse - in Miami ebenso wie in München.

(Foto: Joe Raedle/AFP)

Warum sollte einer wie er, ein echter Siemensianer, fast drei Millionen Euro nach Panama schaffen? Jürgen Radomski jedenfalls taucht in den Panama Papers im Zusammenhang mit einigen sehr merkwürdigen Geldtransfers auf. Im November 2012 lässt er von einem Konto der Vontobel-Bank in der Schweiz, jener Bank, bei der auch Uli Hoeneß Kunde war, über drei Millionen Euro nach Panama schaffen - aber nicht auf direktem Wege, sondern auf verschlungenen Pfaden, über eine Bank in Andorra und zwei Briefkastenfirmen, eine davon gehörte der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca aus Panama.

Radomski ließ dazu auf Anfrage von SZ, NDR und WDR erklären, er habe keine Konten bei der Vontobel-Bank oder in Panama besessen. Auf schriftliche Nachfragen antwortete er nicht.

Der Zeitpunkt des verschlungenen Geldtransfers ist auffällig. Nur wenige Tage zuvor, am 23. November 2012, verweigerten SPD und Grüne im Bundesrat dem mühsam ausgehandelten Steuerabkommen mit der Schweiz die Zustimmung. Das Abkommen hätte vorgesehen, dass Steuerhinterzieher anonym bleiben und straffrei ausgehen würden, wenn ihre Schweizer Bank das Geld, das sie vor dem deutschen Fiskus versteckt haben, nachversteuert hätte. Dieser Vorschlag war mit der Abstimmung vom Tisch. Wer noch immer Schwarzgeld im Ausland hatte, musste bangen.

Radomski war zu der Zeit schon ein paar Jahre nicht mehr bei Siemens, wo ihm bis Ende 2006 auch die Antikorruptionsabteilung (Compliance) unterstellt gewesen war, die im Siemens-Fall so kläglich versagt hatte. In einem Brief an den Aufsichtsrat des Konzerns wies Radomski später den Vorwurf zurück, er habe den Kampf gegen die Korruption im Unternehmen vernachlässigt und sei deshalb indirekt schuld am Schmiergeldskandal. Er sei bestürzt über die öffentliche Kritik an seiner Amtsführung, schrieb er. Er habe immer dem Zentralvorstand berichtet, welche Hinweise auf Korruption vorlägen.

Einer wie Radomski gibt normalerweise nicht so leicht auf. Aber er verabschiedete sich dann mit 65 Jahren in den Ruhestand. Aus dem Aufsichtsrat verlautete damals, es gebe keine Hinweise auf irgendeine persönliche Verquickung von Radomski in den Korruptionsskandal, aber er habe die Verantwortung für Compliance gehabt. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Verdachts der Untreue stellte die Staatsanwaltschaft München I ein. "Für die Erhebung der öffentlichen Klage" sei "kein Raum", schrieb ein Strafverfolger.

Jürgen Radomski war Personalvorstand bei Siemens.

(Foto: Siemens)

Im Februar 2010 bekam Radomski von der Staatsanwaltschaft in einem Ordnungswidrigkeitsverfahren "wegen fahrlässiger Verletzung der Aufsichtspflicht" einen Bußgeldbescheid über 150 000 Euro, weil er angeblich seine internen Aufsichtspflichten vernachlässigt habe. Die Staatsanwaltschaft berücksichtigte, dass er sich "gegenüber Siemens zu einer aus eigenen Mitteln zu erbringenden Ausgleichszahlung von drei Millionen Euro verpflichtet" habe. Eine Art Schadenersatz.

Über die Vermögensverhältnisse von Radomski, der nach seinem Ausscheiden bei Siemens als Berater arbeitete, ist wenig bekannt. Vor rund zehn Jahren, das steht fest, trennte er sich von Anteilen, die aus einem Optionsprogramm des Konzerns stammten. Er erlöste 2,7 Millionen Euro.

Was also hat es mit dem Geldtransfer aus dem November 2012 auf sich? Zu diesem Zeitpunkt wandte sich ein Berater der Andbanc, einer andorranischen Privatbank, an den Offshore-Dienstleister Mossack Fonseca (Mossfon). Man wolle für einen Kunden Geld von Konten der Vontobel-Bank in der Schweiz nach Panama transferieren, aber nicht direkt. Sondern über Umwege. Auf mehreren Konten bei der Vontobel-Bank Zürich, so der Berater, lägen rund drei Millionen Euro, genau genommen 2 047 745,36 Euro und 1 126 487,59 Schweizer Franken. Dieses Geld solle auf ein Investmentkonto der Andbanc in Panama transferiert werden, wobei der Name des Kontoinhabers auf keinen Fall auf der Überweisung auftauchen solle.

Erneute Razzia

Panamas Generalstaatsanwalt hat am Freitag erneut ein Gebäude der Kanzlei Mossack Fonseca durchsuchen lassen, die im Mittelpunkt der Affäre um die Panama Papers steht. Dabei seien große Mengen an geschredderten Dokumenten gefunden worden. Mossack Fonseca teilte mit, dass alle Dokumente digitalisiert seien und zudem schon bei einer vorherigen Razzia sichergestellt wurden.

Dieser geheimnisvolle Kontoinhaber war, zumindest legen das die Panama Papers nahe, Jürgen Radomski. Aus einem E-Mail-Wechsel vom Dezember 2012, der in den Panama Papers zu finden ist, geht hervor, der Kunde habe jenes Vermögen durch Geschäfte in den USA und Schweden angehäuft. Nun solle es nach Panama überführt werden. Dafür unterschrieb Radomski offenbar einen Treuhandvertrag und schickte Mossack Fonseca eine Kopie seines Passes, dazu ein Empfehlungsschreiben eines Schweizer Vermögensverwalters. Darin heißt es, Radomski sei ein "seriöser und achtbarer Mensch".

Nun ist es aber so: Wenn ein seriöser und achtbarer Mensch ein paar Millionen auf einem Schweizer Konto liegen hat und dies den Behörden gemeldet hat, könnte er das Geld auf ganz gewöhnlichem Wege auf ein Investmentkonto in Panama überweisen. Jürgen Radomski jedoch wählte einen viel komplizierteren und auch teureren Weg: Von dem Vontobel-Konto - das den Unterlagen zufolge nicht auf seinen Namen, sondern den einer Briefkastenfirma lief - ließ er das Geld offenbar in mehreren Tranchen an eine Treuhandfirma namens Winterbotham Trust Company Ldt. überweisen. Diese wiederum transferierte es weiter an die Andbanc Panama - zu Händen einer weiteren Treuhandfirma namens Brittania Advising Service. Diese Brittania gehört zur Mossack-Fonseca-Gruppe, es ist eine der vielen Firmen im Mossfon-Universum. Von dort, so die Anweisungen der Andbanc, sollten die Millionen sofort auf das Konto des "Endkunden" weiter überwiesen werden.

Auf diese Weise flossen offenbar allein im Dezember 2012 insgesamt rund drei Millionen Euro von der Schweiz nach Panama. Und das ganz offenbar, ohne dass nach außen hin ein einziges Mal der Name Jürgen Radomski auftauchte. Mossfon-intern scheint hingegen klar, wer hinter dem Ganzen steckt. In einer E-Mail ist zu lesen, der Endempfänger der Gelder sei: Jürgen Kurt Anton Radomski.

Radomski wollte dazu auf wiederholte Nachfrage nichts sagen.

Aber er hat sich den Transfer einiges kosten lassen: Mossack Fonseca veranschlagte für seine Leistungen 0,5 Prozent der überwiesenen Summe. Bei drei Millionen Euro immerhin 15 000 Euro. Für einen Transfer, der mit einer simplen Überweisung hätte abgewickelt werden können, die bei der Vontobel-Bank nach eigenen Angaben für Kunden sogar umsonst ist.

Mitarbeit: Benedikt Strunz