Das einstige Vorzeige-Unternehmen Hoechst fusionierte mehrmals, um in die Weltspitze vorzustoßen. Mit der beabsichtigten Übernahme des Nachfolgeunternehmens Aventis durch Sanofi droht jetzt die Bedeutungslosigkeit.
Lange wurde dementiert. Nein, es gebe keine Pläne, Verhandlungen seien nicht im Gange. Am Montag kam die Bestätigung: Der französische Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo will den größeren Konkurrenten Aventis für 47,8 Milliarden Euro kaufen. Die Summe soll zu achtzig Prozent in Aktien und zu einem Fünftel bar bezahlt werden.
Die Konsolidierung der Pharmabranche dauert seit Jahren an. (© Foto: sueddeutsche.de)
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Durch den Zusammenschluss der beiden größten französischen Arzneimittelhersteller entstünde die Nummer drei auf dem Welt-Pharma-Markt - ein Riese mit einem Börsenwert von rund 90 Milliarden Euro.
Wie in solchen Fällen üblich, sind die Hoffnungen groß: In jedem Jahr, so heißt es, ließen sich durch diese Übernahme 1,6 Milliarden Euro sparen.
Abwehrplan
Nur das Management von Aventis ist von dem Plan nicht begeistert. Es lehnt den Übernahmeplan als "feindlich" ab. Eifrig arbeitet Aventis mit Hilfe von Investment-Bankern an einem Plan zur Abwehr der lästigen Aufkäufer.
Europa steht möglicherweise vor einem längeren Übernahmekampf, der den Kurs von Aventis deutlich beflügeln könnte, wenn die Kauf-Interessenten ihr Angebot nachbessern müssen. Und: Noch am Montag sprach die Börse in Paris ein erstes abfälliges Urteil über den ehrgeizigen Sanofi-Plan. Die Aktie des Unternehmens sackte um zeitweilig knapp sechs Prozent ab. Aventis dagegen konnte sich über einen Kurssprung von mehr als fünf Prozent freuen.
In der Pharma-Branche gab es immer wieder spektakuläre Zusammenschlüsse. Die Spitzenunternehmen der Branche sind Ergebnisse dieser Schulterschlüsse.
Der jetzt vorliegende Übernahmeplan jedoch zeichnet sich dadurch aus, das der Kleinere den Größeren zu schlucken versucht; der Erfolgreiche will also den kaufen, der von der großen Zukunft noch träumt.
Sanofi, der erfolgreichste Vertreter der französischen Arzneimittelindustrie, machte im Jahr 2002 einen Umsatz von 7,4 Milliarden und hat etwa 30.000 Mitarbeiter.
Drei mal so groß
Der deutsch-französische Konkurrent Aventis, der im Jahr 1999 aus der Pharma- sowie Pflanzenschutz-Sparte der Hoechst AG und der französischen Rhone Poulenc zusammengefügt wurde, machte 2002 über 20,6 Milliarden Umsatz mit fast 80.000 Mitarbeitern.
Aber das lange unscheinbare Unternehmen Sanofi ist ungleich erfolgreicher. Es ist vor allem viel rentabler: Sanofi hat drei hochprofitable Arznei-Bestseller im Programm, während die ebenfalls drei Bestseller von Aventis immer stärker unter den Druck der Konkurrenz geraten.
Die Börse ist schon lange der Meinung, dem deutsch-französischen Unternehmen fehle es an vielversprechenden Medikamenten für die Zukunft.
"Wir werden unter die ersten zehn größten Pharmahersteller kommen", hatte der langjährige Sanofi-Chef Jean-François Dehecq bereits vor zehn Jahren prophezeit. Die Übernahme von Aventis soll Sanofi nun große Vorteile auf dem wichtigen US-Markt bringen und den neuen Konzern in eine Größenordnung befördern, die in der aggressiven Pharma-Industrie als besonders zukunftsträchtig gilt.
Ironie der Pharma-Geschichte
Es gehört zur Ironie der Pharma-Geschichte, dass mit Aventis jetzt ein Unternehmen gefressen werden könnte, das sich selbst eine Reihe von Übernahmen und Fusionen zugemutet hat, um genau diesem Schicksal zu entgehen.
Vertreter dieser aggressiven Fusionspolitik war der langjährige Vorstandsvorsitzende Jürgen Dormann. Dieser hatte als Hoechst-Chef im Frühjahr 1995 für mehr als zehn Milliarden DM den US-Pharma-Hersteller Marion Merrell Dow gekauft und damit hohes Aufsehen erregt. Dieser Schritt, so Dormann damals, sei wichtig auf dem Weg zur Weltspitze.
Die US-Firma entpuppte sich aber als weniger zukunftsträchtig, als der Hoechst-Chef erwartet hatte. 1998 begann Dormann - wieder um Weltspitze zu werden - mit der Auflösung des Traditionsunternehmens Hoechst und leitete das Ende einer ersten Adresse der deutschen Industrie ein.
Dormann stieß die Chemie ab und führte den Rest von Hoechst mit dem französischen Unternehmen Rhone Poulenc zusammen. Das neue Unternehmen mit dem Kunstnamen Aventis sollte sich nur noch mit zukunftsträchtigen Geschäften befassen.
Kulturkämpfe
Statt dessen aber beschäftigte sich die Aventis Belegschaft in Kulturkämpfen mit sich selbst. Franzosen und Deutsche stritten um die Führungspositionen und die Macht in dem Konzern, der seine Zentrale nach Strasbourg legte.
Und nachdem es in den USA zu einer teuren Panne mit genmanipuliertem Mais gekommen war, wurde der Bereich Pflanzenschutz im Jahr 2002 auch noch verkauft, um sich ganz auf das Pharma-Geschäft zu konzentrieren.
Doch der Anschluss an die Pharma-Weltspitze misslang. Während der Wettbewerber Sanofi um dreißig Prozent pro Jahr beim Umsatz wuchs und seine dicken Gewinne in neue Medikamente investierte, gingen bei Aventis die Sparkommissare um und wurden Umsatzprognosen nach unten korrigiert.
(SZ vom 27.01.03)
Berliner Zeitung