Von S. Hildebrandt

Das Leben kann hart sein: Der frühere Infineon-Chef Ulrich Schumacher kämpft derzeit nicht nur für seine Unschuld vor Gericht, sondern möglicherweise bald in Shanghai auch um seinen Job.

Im Sitzungssaal B 173 des Justizzentrums in München verbringt Ulrich Schumacher derzeit einen Großteil seiner Zeit. Dabei würde er in China dringend gebraucht. Seit 2007 ist der einstige Infineon-Chef in Shanghai Geschäftsführer des Halbleiterunternehmens Grace Semiconductor Manufacturing Corporation, nach eigenen Angaben "einer der am schnellsten wachsenden Hersteller der Branche".

Wafer, Foto: AP

Eine mit Chips bestückte Siliziumscheibe, ein so genannter Wafer: Der chinesische Hersteller Grace Semiconductors gilt als Fusionskandidat. (© Foto: AP)

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Zum einen gilt es in der Branche als ausgemacht, dass Grace demnächst mit einem lokalen Konkurrenten fusionieren wird. Entsprechende Berichte kursieren seit Jahresanfang.

Zudem leidet Chinas Halbleiterindustrie unter der Wirtschaftskrise. Im ersten Halbjahr brach der Umsatz um 23 Prozent ein. Bei Grace dürfte es ähnlich aussehen.

Größter Auslandsmarkt Japan

Grace hat 1500 Angestellte und ist auf integrierte Schaltkreise spezialisiert. Das Unternehmen gehöre zu den fünf größten Halbleiterfirmen in China, sagt Li Ke, Halbleiterexperte von CCID Consulting in Peking.

Grace besitze moderne ausländische Technologie und wurde zudem von Anfang an durch die Shanghaier Regierung unterstützt. Größter Auslandsmarkt sei Japan, sagt Experte Li Ke. Doch Grace Semiconductor strebt auch nach Europa und in die USA. Zum laufenden Gerichtsverfahren gegen Schumacher möchte eine Grace-Sprecherin genauso wenig sagen wie zum laufenden Geschäft.

Die Firmengeschichte von Grace ist typisch für die noch junge Halbleiterindustrie Chinas - die quasi eine taiwanische ist. Taipeh hatte den Halbleiterfirmen der von China als abtrünnige Provinz beanspruchten Insel aus politisch-strategischen Gründen untersagt, auf dem Festland zu investieren.

Anteilseignerstruktur lange unklar

Also gingen Taiwans IT-Manager auf eigene Faust nach China - was erlaubt war - und gründeten in Shanghai und Umgebung neue Unternehmen mit lokalen, meist regierungsnahen Partnern. Auf diese Weise ist der heutige chinesische Marktführer Semiconductor Manufacturing International (SMIC) entstanden - und eben Grace.

Das Unternehmen begann laut Tain-Jy Chen von der Chung-Hua Institution for Economic Research in Taipeh im November 2000 als Gemeinschaftsunternehmen zweier Firmen, die dem Sohn des Gründers der größten taiwanischen Unternehmensgruppe Formosa Plastics und einem Sohn des früheren chinesischen Präsidenten Jiang Zemin gehörten.

Lange schwieg das heute auf der Steueroase Cayman Islands registrierte Unternehmen über die Anteilseignerstruktur. Laut einer Mitteilung vom Februar 2009 sind nun die wichtigsten Eigner die regierungsnahe Shanghai Alliance Investment sowie Cheung Kong Holdings und Hutchison Whampoa aus Hongkong. Weitere Anteile hielten Silicon Storage Technologies (SST), Sanyo und mehrere Private-Equity-Firmen.

2008 kamen Gerüchte auf, Grace wolle den deutschen Hersteller Qimonda übernehmen. Schumacher hatte mehrere Manager von Infineon und Qimonda nach Shanghai geholt. Schumacher wies die Berichte im Dezember aber zurück. Inzwischen gilt Grace selbst als Übernahmekandidat. "Der größte Nachteil von Grace ist, dass sie nie die nötige Größe erreicht haben", sagt Experte Li Ke. Fusionieren könnte Grace laut lokalen Zeitungsberichten mit dem staatseigenen Chiphersteller Huahong Group."Die Fusion ist ausgemachte Sache", glaubt zumindest Li Ke.

Möglicherweise muss Schumacher also nicht nur vor Gericht in München um seine Unschuld kämpfen, sondern in Shanghai nach einer möglichen Fusion auch um seinen Job.

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(SZ vom 18.09.2009/pak)