Ex-BayernLB-Chef Kemmer Lobbyist der Banken unter Druck

Michael Kemmer wird sich wegen Untreue vor Gericht verantworten müssen. Zwar steht der Bundesverband deutscher Banken hinter seinem Hauptgeschäftsführer, doch auf den 56-Jährigen kommt ein Krisenjahr zu. Banker warnen schon vor der negativen Sogwirkung, die der Prozess haben könnte.

Von Andrea Rexer

Die Aufregung war absehbar. Schon als Michael Kemmer, 56, im Sommer 2010 zum Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) gewählt wurde, fragten viele Beobachter: "Was hat sich der BdB denn dabei gedacht? Kemmer hat doch ein Verfahren am Hals." Und schon damals sagte der BdB, was er auch jetzt sagt: Der Vorstand stehe voll hinter Kemmer.

Doch dazwischen ist einiges passiert. Als Kemmer bei der BayernLB seinen Vorstandsposten räumen musste und wenig später als Lobbyist in Berlin anheuerte, war zwar schon klar, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn und die anderen Vorstände der Landesbank ermittelt. Es ging dabei um Verdacht auf Untreue in Zusammenhang mit dem Kauf der österreichischen Bank Hypo Alpe Adria. Völlig unklar war jedoch, ob es jemals zu einer Anklage kommen würde. Seit vergangener Woche ist klar, dass die Staatsanwaltschaft so viel Material sammeln konnte, dass sie Ernst macht: Es kommt zum Prozess.

Damit wächst der Druck auf Kemmer. Er muss damit rechnen, zwei bis drei Tage pro Woche in einem Münchner Gerichtssaal zu verbringen. Und die Aufmerksamkeit der Medien ist gewiss: "Da wurden 3,7 Milliarden Euro an Steuergeldern verbrannt. Ich bin froh, dass zumindest ein Teil der Verantwortlichen für das Finanzdesaster nun vor Gericht muss", sagte Markus Rinderspacher, SPD-Fraktionschef im bayerischen Landtag. Und andere unken, dass ein Politiker in einer solchen Situation zurücktreten müsste.

Eine erstaunliche Reaktion

Der Bankenverband sieht das anders: "Für uns ist wichtig, dass mit Michael Kemmer ein integerer, erfahrener Banker und anerkannter Fachmann den Bankenverband führt. An seiner persönlichen Integrität gibt es keinen Zweifel", verteidigte Thomas Lange, Vorstandsmitglied im Bankenverband, Kemmer am Montag.

Und in der Tat äußern sich viele Politiker bis heute positiv über Kemmer. Er sei unprätentiös im Auftritt, er wisse, wovon er spreche. An den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft hat sich im politischen Berlin bislang kaum jemand gestoßen. Eine erstaunliche Reaktion, angesichts der allgemeinen Stimmung gegen Banker. Ein Grund dafür dürfte das verbindliche Wesen von Kemmer sein: "Für den sind ja sogar die Mitarbeiter mitten in der Krise auf die Straße gegangen, weil sie seine Ablöse als Vorstandschef verhindern wollten. Zeigen Sie mir einen anderen Bank-Chef, für den die Mitarbeiter Plakate in die Höhe strecken!", sagt ein Banker.

Im Zweifel für den Anklagten, das ist das unausgesprochene Motto des BdB. Man erinnert daran, dass Kemmer zum fraglichen Zeitpunkt nur einfacher Vorstand war, man erinnert daran, dass er persönlich die unternehmerische Fehleinschätzung schon häufig öffentlich bedauert habe. Aber reicht das?

Durch Krisenphasen gefestigt

So mancher Banker zieht da die Augenbrauen hoch. "Ich glaube, es braucht noch ein bisschen, bis in der Branche durchgesickert ist, welche negative Sogwirkung ein solcher Prozess haben kann", sagt ein Investmentbanker. Seine Zunft hat Erfahrung damit, wie es sich anfühlt, wenn die Öffentlichkeit gegen einen ist.

Das kennt Kemmer übrigens auch. Die Krisenzeit bei der BayernLB habe ihn gefestigt, turbulente Situationen meistere er heute viel gelassener, sagte Kemmer im Juni dieses Jahres der SZ, als sich die Anklageerhebung abzeichnete. "Ich habe bei jeder beruflichen Station etwas gelernt, im operativen Bankgeschäft vielleicht am meisten. Gerade in Krisenphasen lernt man viel. Vielleicht zählt ein Jahr in einer Krisenzeit mehr, so wie Hundejahre. Da zählt ja auch ein Jahr für sieben", sagte Kemmer. Jetzt dürfte wieder ein Hundejahr auf ihn zukommen.