Ex-AUB-Chef Schelsky "Das hat mit Rechtsstaat nichts mehr zu tun"

In einem kämpferischen Interview mit der Süddeutschen Zeitung greift Ex-AUB-Chef Schelsky Siemens-Manager und die Justiz direkt an.

Von K. Ott und U. Ritzer

Er sitzt in einer Einzelzelle, schreibt an einem Buch, und hat das Angebot russischer Mitgefangener dankend abgelehnt, ihn für zwei Millionen Euro gewaltsam aus der Nürnberger Justizvollzugsanstalt (JVA) zu befreien.

Wilhelm Schelsky im Landgericht Nürnberg-Fürth zwischen seinen Anwälten Rainer Steffens und Jürgen Lubojanski.

(Foto: Foto: Reuters)

Resigniert hat Wilhelm Schelsky, der vor zwei Wochen wegen heimlicher Millionenzahlungen von Siemens für den Aufbau der Betriebsräteorganisation AUB zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, aber nicht. In einem kämpferischen Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschuldigt er vielmehr einen amtierenden Siemens-Topmanager der bösen Intrige und der Mitwisserschaft.

Der inzwischen zum Siemens-Personalchef Deutschland aufgestiegene Walter Huber habe die Justiz auf seine Spur gesetzt, um sich an ihm zu rächen, so Schelsky in dem ausführlichen Interview, das in der Montagsausgabe der SZ erscheinen wird. "Huber war wütend und voller Hass auf mich", glaubt der AUB-Chef.

Anlass sei gewesen, dass es ihm nicht gelungen sei, Huber "seinen Lebenstraum zu erfüllen" und ihn als neuen Hauptgeschäftsführer der bayerischen Wirtschaft zu installieren. Daraufhin habe dieser ihm unter vier Augen offen gedroht mit den Worten: "Jetzt werdet Ihr sehen, was passiert."

Huber habe alte Kontakte in der bayerischen Justiz und im zuständigen Ministerium genutzt, um die Fahnder in Marsch zu setzen, glaubt Schelsky, der den Topmanager der Mitwisserschaft bezichtigt. "Er wusste alles, dass Zahlungen von Siemens an mich liefen und warum", weist Schelsky den Vorhalt der Verschwörungstheorie zurück.

Huber habe in der Vergangenheit mehrere hunderttausend Euro als Referent bei AUB-Seminaren kassiert. Gleiches gelte unter anderem für Klaus Armbrüster, der bis 2007 jahrelang einer der ranghöchsten deutschen Arbeitsrichter beim Bundesarbeitsgericht war. "Der hat wirklich alles gewusst, was mit Siemens lief", sagte Schelsky über seinen langjährigen Stellvertreter im AUB-Bundesvorsitz.

Auch im Siemens-Zentralvorstand sei die vom Nürnberger Landgericht als gesetzeswidrig eingestufte Millionen-Förderung der AUB "von wenigen Ausnahmen abgesehen mit Sicherheit jedem bekannt" gewesen, sagt Schelsky.

Das gelte auch für den langjährigen Vorstandschef Heinrich von Pierer, den Schelsky jedoch auch entlastetet. "Über das Thema AUB haben wir aber nie miteinander gesprochen." Von Siemens fühlt sich Wilhelm Schelsky im Stich gelassen. "Ich werde wegen eines Siemens-Auftrages verhaftet und dann fragt dieser Auftraggeber nicht einmal bei mir nach, um den Sachverhalt aufzuklären."

Heftige Kritik übt der Ex-AUB-Chef auch an der Justiz. "Schon bevor ich verhaftet wurde, gab es ein genaues Drehbuch in dem stand, wie diese Sache auszugehen hat", sagt Schelsky. Vor allem die Staatsanwaltschaft habe "eine wahnsinnig aggressive Voreingenommenheit" an den Tag gelegt.

Momentan treibe die bayerische Finanzverwaltung "mit brachialer Gewalt" eine angebliche Steuerschuld Schelskys von mehr als 12 Millionen Euro ein. "Das gesamte Vermögen meiner Familie ist arrestiert, man treibt uns in den Ruin", klagt Schelsky. "Was hier läuft, hat mit Rechtsstaat nichts mehr zu tun."