EZB entscheidet über neuen Chefvolkswirt Jörg Asmussens großer Tag

Es geht um Macht und um nationale Eitelkeiten: An diesem Dienstag berät das Direktorium der Europäischen Zentralbank über die Ernennung eines neuen Chefvolkswirts. Gute Chancen auf diese Position hat der Deutsche Jörg Asmussen, doch ein Franzose könnte ihm in die Quere kommen.

Von Helga Einecke, Frankfurt

Es geht um Prestige, Macht, nationale Eitelkeiten. An diesem Dienstag rechnen die Märkte mit einem Signal aus der Chefetage der Europäischen Zentralbank (EZB). Das Direktorium der Notenbank diskutiert über den Zuschlag für den Posten des Chefvolkswirts. Seit der EZB-Gründung ist das Ressort in deutscher Hand, der Deutsche Jörg Asmussen, zuvor Staatssekretär in Berlin, könnte diese Tradition fortsetzen.

Das Direktorium der Notenbank diskutiert über den Zuschlag für den Posten des Chefvolkswirts. der EZB. Womöglich wird es Jörg Asmussen.

(Foto: REUTERS)

Bessere Chancen räumen Notenbankkreise allerdings dem Franzosen Benoît Cœuré ein, einem anerkannten Ökonomen. Nicht die Nationalität, sondern die fachliche Eignung sollte den Ausschlag geben, meint etwa auch Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. "Es wäre schön, wenn der Chefökonom der EZB in akademischen Kreisen einen starken Nachhall hätte." Das würde dem Euro-Vordenker mehr Gestaltungsspielraum eröffnen.

EZB-Präsident Mario Draghi wird die erste Sitzung seines neuen Direktoriums leiten. Er gilt als entscheidungsstark und willens, die europäische Währungsbehörde zu formen. Weil die Hälfte der Führungsmannschaft im Eurotower ausgetauscht wird, könnte ihm das schneller glücken als seinen Vorgängern. Er kann Ressorts neu zuschneiden. Neben der Volkswirtschaft ist die Marktabteilung zu vergeben.

Dort werden die massiven Käufe von Staatsanleihen gemanagt, die Banken in nie dagewesenem Umfang mit Geld versorgt und deren Wertpapiere als Pfand bewertet und verwaltet. Bislang hat der Spanier José Manuel Gonzalez Paramo das Sagen. Seine Nachfolge steht im Mai an. Muss es wieder ein Spanier werden?, sticheln die Vertreter kleinerer Euro-Länder in Brüssel, weil sie gerne einen eigenen Kandidaten durchdrücken würden.

Die vielen Neubesetzungen an der EZB-Spitze kommen mitten in der Euro-Krise eigentlich ungelegen. Aber der Deutsche Jürgen Stark, der seit 2006 Chefvolkswirt war, trat zurück und der Italiener Lorenzo Bini Smaghi, der für internationale Beziehungen zuständig war, wurde aus dem Amt gedrängt. Stark wollte mit seinem Rücktritt ein Zeichen setzen, die Regierungen wachrütteln, aufzeigen, dass bei dem Projekt Euro etwas schiefläuft.

Er fasste seinen Entschluss, vorzeitig zu gehen, als die Käufe von Staatsanleihen im Sommer massiv hochgefahren wurden. Smaghi wiederum musste weichen, weil Frankreich sonst keinen Vertreter mehr an der EZB-Spitze gehabt hätte und Italien gleich zweimal dabei gewesen wäre. Nationale Eitelkeiten spielen also bei der Besetzung der EZB-Posten eine große Rolle, obwohl es von Gesetzes wegen nur um die fachliche Eignung gehen sollte.

Das war von Anfang an so. Der erste Präsident, der Niederländer Wim Duisenberg, musste von vorneherein auf eine volle Amtszeit von acht Jahren verzichten, weil Frankreich nach vier Jahren den Präsidentenstuhl für seinen Kandidaten Jean-Claude Trichet reklamierte. Die Deutschen hätten Trichet in dieser Position zwar beerben dürfen, aber ihnen kam mit Bundesbankpräsident Axel Weber der Kandidat abhanden. Weber zog es aus ähnlichen Motiven wie Stark vor, zurückzutreten.

Bei dem Geschacher um die EZB-Spitze haben die Regierungen zuletzt eine gefährliche Nord-Süd-Linie gezogen, die böses Blut in die Notenbank hineinbringen könnte. So wurde bereits im Jahr 2010 der Portugiese Vitor Constancio zum Vizepräsident befördert, damit das Tandem an der Spitze sowohl aus dem Norden wie aus dem Süden käme. Weil aber anstelle des Deutschen Weber der Italiener Draghi an die Spitze rückte, stammen nun der Chef und sein Stellvertreter beide aus dem Süden.

Viele Fachleute meinen, einer stabilen Währung werde im Norden, speziell in Deutschland, Finnland, den Niederlanden, Luxemburg und Österreich, mehr Bedeutung beigemessen als im Süden. Die Mittelmeerländer, meist hoch verschuldet, würden eine weichere Währung bevorzugen und eher Inflation dulden. Ob die Euro-Manager diesen Vorurteilen gerecht werden, ist fraglich. Draghi zumindest hat sich bisher äußerst stabilitätsbewusst gezeigt.