Interview: Markus Balser

Ifo-Chef Sinn über die fatalen Folgen des Euro-Rettungsschirms, das Versagen von Kanzlerin Merkel - und warum hierzulande eine Staatskrise droht.

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn kritisiert den Rettungsschirm für den Euro hart. Europa drohe, eine "gewaltige Schuldenblase aufzubauen, die mit einem großen Knall platzen wird", warnt Sinn im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft der Ökonom vor, zu wenig für die Interessen Deutschlands getan zu haben und befürchtet dramatische Folgen: "Die deutsche Staatskrise ist vorprogrammiert."

Hans-Werner Sinn; Foto: Schellnegger

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: "Jetzt ist Europa in der Lage, eine gewaltige Schuldenblase aufzubauen, die irgendwann mit einem großen Knall platzen wird." (© Foto: Schellnegger)

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SZ: Professor Sinn, Europas Regierungen müssen den Euro mit einer dramatischen Rettungsaktion stabilisieren. Wird die Währungsunion zum Fass ohne Boden?

Sinn: Wir stürzen uns mit dem neuen Gewährleistungsgesetz in ein unkalkulierbares Abenteuer. Bei der Euro-Einführung hatte Deutschland verlangt, dass ein Rettungsfonds, wie er im Delors-Plan vorgesehen war, nicht eingerichtet wird. Wir wollten es machen wie die Amerikaner, die überschuldeten Staaten auch nicht helfen. Jetzt kommt der Fonds doch. Am Wochenende wurde die zentrale Bedingung, die Deutschland für die Aufgabe der D-Mark gesetzt hatte, in einem Handstreich kassiert, während unser Verhandlungsführer Schäuble im Brüsseler Krankenhaus lag. Jetzt ist Europa in der Lage, eine gewaltige Schuldenblase aufzubauen, die irgendwann mit einem großen Knall platzen wird.

SZ: War der Euro nicht so gefährdet, dass es keine Alternative gab?

Sinn: Gefährdet war nicht der Euro, sondern die Fähigkeit einiger Länder, sich weiter so billig zu verschulden, wie es unter dem Schutz des Euro bislang möglich war. Der Euro lag auf dem Höhepunkt der Krise bei 1,27 Dollar, weit über der Kaufkraftparität von 1,14 Dollar. Von Schwäche keine Spur. Die Zinsen hatten jedoch begonnen, sich wieder der Bonität der Länder anzupassen, wenn auch bei den nun zu schützenden Ländern lange nicht so stark wie vor dem Euro. Selbst Frankreich musste wieder etwas höhere Zinsen zahlen. Eine notwendige Korrektur der Zinsstrukturen, die der unterschiedlichen Bonität der Länder entsprach, wurde von den europäischen Schuldenländern zur Systemkrise hochstilisiert.

SZ: Welches Interesse sollten Europas Regierungen daran haben?

Sinn: Man wollte sich auf den Artikel 122 des EU-Vertrages berufen können. Nach diesem Artikel darf die EU nur helfen, wenn die Gründe für die Probleme außerhalb der Kontrolle des einzelnen Landes liegen. Sie liegen aber fast ausschließlich in der Kontrolle dieser Länder.

SZ: Allein Deutschland haftet für gefährdete EU-Staaten mit 146 Milliarden Euro. Sehen wir das Geld jemals wieder?

Sinn: Das neue Gesetz bedeutet ja nicht, dass wir sofort zahlen. Wir sichern zunächst nur Kredite für bedrohte Länder ab. Bevor die Verluste kommen, drohen andere Probleme.

SZ: Welche?

Sinn: Der Rettungspakt verzerrt den Kreditfluss über die Kapitalmärkte. Zum einen verringern wir unsere eigene Bonität, indem wir haften, und müssen in Zukunft entsprechend höhere Zinsen für deutsche Staatsschulden zahlen. Zum anderen senken wir durch unsere Bürgschaften die Zinsen der Schuldenländer.

SZ: Was heißt das für die Deutschen?

Sinn: Wir helfen anderen Ländern, deutsches Sparkapital abzuziehen. Schon seit Jahren fließt deutsches Geld im Übermaß nach Amerika, Irland, Spanien, Portugal und Griechenland und half dort, einen total überzogenen Immobilienboom zu finanzieren, während Deutschlands Wachstum erlahmte, weil hier nur noch sehr wenig investiert wurde. Die Wirtschaften dieser Länder wurden so in einen Rauschzustand versetzt. Aber die Korrektur durch die Kapitalmärkte wird nun von der Politik verhindert. Deutschland hilft mit seiner Bonität den europäischen Schuldenländern, weiter verbilligt an das deutsche Sparkapital zu kommen und gegenüber den deutschen Firmen und Häuslebauern, die es auch gerne hätten, die Oberhand zu behalten.

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