Euro-Zone Der Süden holt auf

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Die Unternehmen in Spanien und Italien hatten noch lange nach der Finanzkrise unter schwierigen Kreditkonditionen zu leiden. Nun entspannt sich die Lage.

Von Norbert Hofmann

Oft kommt es besser als gedacht. Wenn der Euro im Verhältnis zum Dollar heute so gut dasteht wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr, hat das auch einiges mit den Konjunkturperspektiven für Südeuropa zu tun. Die spanische Wirtschaft etwa, noch vor vier Jahren in der Rezession, ist im zweiten Quartal um 0,9 Prozent gewachsen. Das ist mehr als Deutschland mit 0,6 Prozent und Frankreich mit 0,5 Prozent vorweisen konnten. Auch in Italien zeigt das Konjunkturbarometer wieder nach oben. "Erstmals seit zehn Jahren wächst die Wirtschaft in allen vier großen Euro-Mitgliedsstaaten wieder merklich", sagt Jörg Zeuner, Chef-Volkswirt der KfW. Den Weg dafür ebnen die günstigeren Bedingungen für die Unternehmensfinanzierung.

Die Entlastung verschuldeter Haushalte hilft, die Konjunktur anzukurbeln

Hatte sich nach der Finanz- und Eurokrise eine immer größere Kluft zwischen Nord- und Südeuropa herausgebildet, so haben sich die Zinsniveaus seit 2014 wieder zunehmend angeglichen. Dass es in Spanien zuletzt besonders zügig aufwärts ging, hat auch mit den Kreditgepflogenheiten des Landes zu tun. "Weil sich die Unternehmen eher zu variablen Zinsen finanzieren, haben sich die EZB-Zinssenkungen entsprechend schneller in den Konditionen für Firmenkredite niedergeschlagen", sagt Jürgen Michels, Chef-Volkswirt der Bayern-LB. Da sich so auch die vielen hoch verschuldeten Haushalte schnell entlasten konnten, brachte das der Konjunktur zusätzliche Impulse.

Seitdem Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), mit seiner "Whatever it takes"-Rede den Spekulanten an den Finanzmärkten den Wind aus den Segeln genommen hat, vergeben auch die Geldhäuser in Südeuropa wieder mutiger Kredite. "Die EZB-Politik hat Wirkung gezeigt. Nachdem die Unternehmenskreditbestände der Banken in Italien und Spanien lange Zeit gesunken waren, ist das heute nicht mehr so. In Italien liegen sie wieder auf Vorkrisenniveau", sagt Zeuner.

Noch bewegen sich die Finanzierungskonditionen in Europa keineswegs auf einheitlichem Niveau. Die Kredite in den Peripherieländern, zu denen neben Italien und Spanien auch Portugal, Irland und Griechenland gehören, sind tendenziell teurer als die in den Kernländern Deutschland, Frankreich, Österreich und den Niederlanden. "Im Durchschnitt liegen die Kreditzinsen in den Peripherieländern um 85 Basispunkte über dem Niveau der Kernländer", sagt Michels. Doch der Trend geht hin zu einer weiteren Angleichung.

In Italien etwa mehren sich die Anzeichen, dass das von Ministerpräsident Paolo Gentiloni für 2017 angestrebte Jahreswachstum von 1,1 Prozent sogar noch übertroffen wird. "Im Zuge der Konjunkturerholung haben viele Firmen bereits wieder mehr Eigenkapital aufgebaut, während gleichzeitig die EZB-Anreize und nationale Förderprogramme für eine höhere Kreditvergabe Wirkung zeigen", sagt Andreas Wagner, Leiter des Unicredit International Center der Hypo-Vereinsbank.

Zu den erfolgreichen Maßnahmen der Notenbank gehören ihre "gezielten langfristigen Refinanzierungsgeschäfte". Banken können sich im Rahmen dieser Geschäfte seit dem September 2014 bei der EZB günstig Geld leihen, wobei das Volumen abhängig vom Umfang der an die reale Wirtschaft vergebenen Kredite ist. So soll sichergestellt werden, dass das Notenbankgeld tatsächlich bei den Firmen ankommt. Hinzu kommt, dass das Vertrauen in den italienischen Bankenmarkt trotz aller Querelen um angeschlagene Institute wie die vom Staat gerettete Krisenbank Monte dei Paschi wieder gewachsen ist. "Die Banken haben deutliche Fortschritte beim Abbau ihrer notleidenden Kredite gemacht", sagt Wagner. Wenn italienische Firmen dennoch mitunter Finanzierungsprobleme bekommen, hat das auch strukturelle Gründe. So ist die Wirtschaft nicht so exportorientiert wie die deutsche, und es erreichen auch deshalb viele Firmen noch nicht wieder die für günstige Kreditkonditionen notwendigen Bonitäten. Den italienischen Mittelstand prägen zudem viele kleine Firmen mit fünf bis zehn Mitarbeitern, die einen schlechteren Zugang zu Darlehen haben als größere Firmen. Umso wichtiger sind die öffentlichen Förderkredite und Garantien, die von der Cassa Depositi e Prestiti (CDP), einem mit der deutschen KfW vergleichbaren Institut, vergeben werden und auf starke Nachfrage stoßen.

Vom verbesserten Szenario könnten auch deutsche Exporteure profitieren

Insgesamt spielen Bank- und Förderkredite sogar eine noch größere Rolle als in Deutschland, wo Unternehmen heute stärker auch kapitalmarktnahe Finanzierungsformen nutzen. Doch das Interesse daran wächst in Italien ebenfalls. Die Unicredit etwa legt für Firmenkunden dort jetzt auch Schuldscheindarlehen nach deutschem Vorbild auf. Auch Lösungen zur Vorfinanzierung von Forderungen sind von Mailand bis Neapel stark gefragt. Das liegt auch daran, dass Lieferanten aufgrund der relativ langen Zahlungsziele größere Risiken tragen als deutsche Firmen. Nicht zuletzt sind Banken in Italien zunehmend bei der Regelung von Nachfolgen gefragt. Fehlt es an einem Nachfolger in der Familie, helfen sie bei der Suche nach Käufern und der Finanzierung des Kaufpreises. "Auch viele Mittelständler aus Deutschland, die durch eine Akquisition solcher Firmen den Einstieg in den italienischen Markt anstreben, kommen auf uns zu", sagt Wagner.

Vom verbesserten Szenario in Südeuropa werden wohl auch deutsche Exporteure profitieren. KfW-Chefvolkswirt Zeuner rechnet mit neuen Impulsen für die Investitionsbereitschaft. Wenn deutsche Mittelständler auch neue Niederlassungen in diesen Ländern planen, stellt sich wieder die Frage nach der besten Finanzierung. Eine Alternative wäre es, dass die Muttergesellschaft einen zinsgünstigeren Kredit in der Heimat aufnimmt und mit diesen Mitteln dann die Auslandstochter finanziert. Als kritisch könnte sich diese Strategie erweisen, wenn das südeuropäische Land einmal aus der Euro-Zone aussteigen und die Umrechnung in die neue Heimatwährung den Wert des vergebenen Kredits mindern würde. "In diesem Fall muss die Muttergesellschaft aufgrund der abgewerteten Forderung mit negativen Folgen für die eigene Bilanz rechnen", sagt Michels.