Euro-Krise Italiens Wirtschaft kämpft ums Überleben

Jeden Tag geben 1000 italienische Firmen auf. Drei von fünf Unternehmen müssen einen Kredit aufnehmen, um die Steuern bezahlen zu können, die Bevölkerung dreht jeden Cent dreimal um. Italien erlahmt.

Von Ulrike Sauer, Rom

Italien braucht eine Wiedergeburt. Mit dieser Botschaft war Mario Monti zu seinem letzten Wahlkampfauftritt in die Renaissance-Stadt Florenz gereist. Der scheidende Premier hatte sogar frohe Kunde aus Brüssel dabei. Das EU-Verfahren gegen Italien wegen übermäßigem Defizit stehe vor der Einstellung, kündigte Monti zwei Tage vor der Wahl im Februar an.

Weil das Schuldenland seine Haushaltslücken beseitigt hat, wird es aus der strengen Überwachung entlassen. Der Würgegriff des Sparens lockert sich so wohl demnächst ein wenig, doch die gute Nachricht kommt zu spät. Nicht nur für den Wahlkämpfer, auch für die 364.972 Firmen, die 2012 in Italien dichtmachten.

Depressive Spirale

Die depressive Spirale aus Austerität und Rezession rafft inzwischen selbst die Gesunden dahin. Jeden Tag geben 1000 italienische Firmen auf. Die Insolvenzrate bei Unternehmen mit schlechter Bonitätsnote ist nach Angaben der Ratingagentur Standard & Poor's von 5,7 Prozent auf 9,5 Prozent hochgeschnellt.

Der Abstieg Italiens weckt heute Erinnerungen an die Große Krise von 1929. Die Wirtschaftskraft des Landes ist seit 2007 stärker gesunken als in den Jahren zwischen 1929 und 1934. Für den römischen Ökonomen Gianni Toniolo geht der gegenwärtige Konjunktureinbruch "als schlimmste Krise in die Geschichte ein". Ihr Ende ist nicht in Sicht.

Die 13 Monate der Amtszeit Montis haben Italiens Haushaltslage zwar nachhaltig stabilisiert - der Chirurg trat im Dezember aus dem OP, die Notoperation war gelungen. Doch sein Patient erwacht nicht mehr aus dem Koma. Hinter Italien liegen 15 Jahre Stagnation und fünf Jahre Rezession.

Zweite Rezession in nur vier Jahren

Nicht einmal Japan traf es so schlimm. Den wirtschaftlichen Niedergang aber hat die Professorenregierung nicht gestoppt. Im Gegenteil. Italien fiel in die zweite Rezession in nur vier Jahren. 2012 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um 2,4 Prozent.

Damit liegt der Kern der italienischen Misere heute allein in der Wirtschaft und nicht beim Haushaltsdefizit. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone verliert gerade das Rückgrat ihrer Ökonomie - das dichte Gewebe kleiner und mittlerer Betriebe. Die Industrieproduktion ging im vergangenen Jahr um sieben Prozent zurück - seit 2008 ist Italien ein Viertel seiner Produktion weggebrochen. Tag für Tag gehen seither 480 Jobs verloren. In fünf Jahren hat die Krise 818.000 Stellen vernichtet. Mehr als jeder dritte Italiener unter 24 Jahren ist arbeitslos.

"Die Euro-Krise ist unter Kontrolle"

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