Dijsselbloem-Interview im Wortlaut "Zypern hat uns einen Schock versetzt"

Seine Worte werden genau verfolgt, besonders von den Problemländern Europas wie Griechenland und Portugal. Jeroen Dijsselbloem, Finanzminister der Niederlande und seit Januar Vorsitzender der Euro-Gruppe, spricht im SZ-Interview über die Kontrolle von Banken, Milliarden-Hilfen - und darüber, was Europa am meisten umtreibt.

Von Cerstin Gammelin, Brüssel

SZ: Herr Dijsselbloem, wird jetzt bei Europas Banken richtig sauber gemacht?

Jeroen Dijsselbloem: Nun, wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Im Jahr 2011 haben wir Banken getestet, einige haben bestanden, waren aber kurz danach in riesigen Schwierigkeiten. Jetzt wird die Europäische Zentralbank ganz tief in alle Bilanzen schauen und auswärtigen, unabhängigen Sachverstand einbeziehen. Der EZB ist völlig klar, dass ihre Glaubwürdigkeit beschädigt wird, wenn sie nicht genau prüft. Denn sobald die EZB die zentrale Aufsicht über Europas Banken übernimmt, ist sie verantwortlich.

Müssen sich die Bürger darauf einrichten, weitere Milliarden zu zahlen, falls die Aufseher herausfinden, dass einige Banken zu viele faule Papiere haben?

Zuallererst sind die Banken in der Verantwortung. Genau das ist meine wichtigste Botschaft. Wir haben unseren Ansatz geändert, wie wir mit maroden Banken umgehen, wer die Rechnung bezahlen muss . . .

. . . nämlich?

Die Banken können Kapital zeichnen, Töchter verkaufen oder fusionieren. Anteilseigner und Gläubiger müssen sich an den Kosten beteiligen. Wenn es einen nationalen Abwicklungsfonds gibt, kann dieser benutzt werden. Erst ganz am Ende, wenn auch die Regierung nicht helfen kann, weil neue Kredite deren Schulden unverhältnismäßig erhöhen würden, steht der Euro-Rettungsfonds ESM bereit. Der kann ein Bankenprogramm auflegen, wie wir es für Spanien haben. Oder später direkt Geld an den nationalen Abwicklungsfonds leihen.

Wie viele Milliarden Euro wird das Großreinemachen kosten?

Ich weiß es nicht. Auch wenn ich mit Bankern, Zentralbankern und Kollegen rede, ergibt sich kein klares Bild. Genau diese Unklarheit bestätigt noch einmal, wie dringend notwendig es ist, die Bilanzen der Banken einzeln durchzuschauen. Und ob Banken zumachen, können wir erst entscheiden, wenn wir wissen, wie deren Bilanzen aussehen.

Viele Regierungen sind hochverschuldet, andererseits brauchen Banken Geld. Sind die 60 Milliarden Euro, die im Euro-Rettungsfonds ESM dafür bereit liegen, nicht zu wenig?

Ganz allgemein gilt: Ob das Geld im Rettungsfonds ausreichen wird, ist ganz einfach nicht vorauszusagen. Diese Summe ist eher ein politisches Signal: ,Seht her, wir haben ein finanzielles Netz für den allergrößten Notfall. Wirklich nur dafür'. Wir haben zu lange das Prinzip verfolgt, zuerst ein öffentlich finanziertes Netz aufzuspannen. Das ist vorbei. Jetzt stehen private Investoren in der Pflicht.

Wann können Regierungen direkte Finanzhilfen für ihre Banken beantragen?

Voraussichtlich vom Herbst 2014 an.

Wird das Großreinemachen bei den Banken Investoren überzeugen, wieder nach Europa statt nach Amerika zu gehen?

Die wirtschaftliche Erholung in Europa braucht länger als gedacht. Teilweise liegt das an ökonomischen Kennziffern, teilweise ist es Psychologie. Wir Europäer glauben zu wenig an uns selbst. Dabei haben wir eine starke Basis und funktionierende Regierungen. Ich stimme nicht ein in den Chor, dass Europa vorbei ist.