Von A. Hagelüken, S. Haas und C. Kappes

Die EU hat festgestellt, dass Frauen weniger verdienen als Männer, im Haushalt mehr tun und vom Arbeitgeber oft diskriminiert werden. Der zuständige Kommissar will handeln - und überlegt einen Zwang zur Babypause für Väter.

Die EU-Kommission denkt an drastische Maßnahmen, um die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt zu verringern. Im Gespräch ist eine Pflicht für Väter, sich um die Kinder zu kümmern. In Deutschland ist das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen weit höher als sonst in Europa.

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Sozialkommissar Vladimir Spidla stellte in Brüssel eine europaweite Studie vor, wonach Frauen bei der Bezahlung systematisch benachteiligt werden. Im Durchschnitt war ihr Bruttolohn im Jahr 2005 pro Stunde 15 Prozent niedriger.

Dieses Lohngefälle schrumpfte seit 1995 nur um zwei Prozentpunkte. In Deutschland nahm der Unterschied sogar von 21 auf 22 Prozent zu. "Diese absurde Situation muss sich ändern'', forderte Spidla.

Der tschechische Kommissar gestand ein, das Lohngefälle sei ein kompliziertes Phänomen mit verschiedenen Ursachen. So arbeiten ein Drittel aller Frauen, aber nur acht Prozent aller Männer Teilzeit.

Manchmal gebe es aber schlicht eine Diskriminierung durch die Arbeitgeber. Außerdem entstünden Frauen oft Nachteile durch eine Schwangerschaft. "Es ist unbegreiflich, dass eine Frau, die für ein Kind ein paar Monate zuhause bleibt, dies noch nach 30 Jahren bei der Entlohnung spürt."

Ein weiterer Grund für das Lohngefälle sei die ungerechte Aufteilung der Hausarbeit. Männer erledigen nach der Studie zuhause deutlich weniger mit als Frauen, und zwar unabhängig davon, ob sie im Beruf Vollzeit oder Teilzeit arbeiten.

Spidla erwägt eine Verschärfung der 30 Jahren alten EU-Richtlinie, die eine gleiche Bezahlung von Männern und Frauen vorschreibt. Zudem verhandelt er zur Zeit mit europäischen Gewerkschaften und Arbeitgebern über einen allgemeinen Vaterschaftsurlaub. Je nach Ergebnis könnte dies zu einem Gesetz führen, dass Vätern eine Babypause zur Pflicht macht.

Deutschland steht im europaweiten Vergleich schlecht da. Nur in Zypern, Estland und der Slowakei ist das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen größer. Andere große Mitgliedsstaaten schneiden weit besser ab als die Bundesrepublik.

In Frankreich ist der Gehaltsschere zwischen 1995 und 2005 von 13 auf 12 Prozent zurückgegangen, in Großbritannien sogar von 26 auf 20 Prozent. Von der EU beauftragte Wissenschaftler kritisieren, in der Bundesrepublik habe es seit 25 Jahren keine größere Gesetzesänderung gegeben, die Frauen beim Kampf um gerechtere Entlohnung helfen würde.

Frauenpolitischer Sprecher der CDU/CSU nennt Einkommensschere "Skandal"

In der Bundesrepublik lösten die Brüsseler Ergebnisse eine heftige Diskussion aus. Es sei ein "Skandal, dass in Deutschland ein so großer Unterschied beim Gehalt von Männer und Frauen zu verzeichnen ist'', sagte Johannes Singhammer, frauenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Singhammer betonte die "entscheidende Rolle der Tarifpartner'' in Gehaltsfragen. Die geltenden Gesetze hält er für ausreichend. "Es gibt bei uns eine klare Rechtslage. Offensichtlich verläuft die Umsetzung aber nicht so, wie wir es wünschen''.

Ina Lemke aus der FDP-Bundestagsfraktion macht neben steuerrechtlichen Gründen vor allem die nicht gesicherte Kinderbetreuung und ein fehlendes politisches Bewusstsein für die Lage verantwortlich. "Frauen sind in der Politik auf allen Ebenen noch unterrepräsentiert''.

Zur schlechteren Verdienstlage der Frauen habe auch der Rechtsanspruch auf Teilzeit beigetragen, da dieser überwiegend von Frauen wahrgenommen werde. Die grüne Abgeordnete Irmingard Schewe-Gerigk erklärte: "Die Bundesregierung ist auf dem Holzweg wenn sie glaubt, sie könne mehr Gleichberechtigung im Erwerbsleben allein mit ein paar familienpolitischen Maßnahmen erreichen.''

Gewerkschaften forderten die Bundesregierung auf, die Chancen von Frauen im Beruf zu fördern. Mit einem Anteil von nur 26 Prozent weiblichen Führungskräften in Deutschland seien die Aufstiegschancen von Frauen desolat, kritisierte die IG Metall. Sie fordert ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordert gesetzliche Regelungen zur Gleichstellung von Frauen in der Privatwirtschaft. Noch immer förderten Männer vor allem Männer.

Jedoch hätten auch die Gewerkschaften selbst zu der ungleichen Bezahlung durch ihre Lohnpolitik beigetragen, weil typische Frauenberufe schlechter entlohnt würden als typische Männerberufe. Daher verdiene noch heute ein Mechaniker mehr als eine Altenpflegerin, obwohl es sich jeweils um Ausbildungsberufe handelt.

Das kritisiert auch der DGB. "Noch immer wird die Arbeit von Frauen geringer bewertet, auch wenn sie etwa die gleiche Ausbildungsdauer vorweisen können wie Männer'' sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Sie rief die Betriebsräte dazu auf, Frauen stärker zu unterstützen.

"Zudem appellieren wir an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, das Thema der ungleichen Bezahlung entschiedener aufzugreifen und eine Diskussion über Gegenstrategien anzustoßen. Eine gesellschaftliche Debatte über Strategien zur Entgeltgleichheit ist längst überfällig'', betonte die Gewerkschafterin.

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(SZ vom 19.07.2007)