EU-Kommission Gleiche Versicherungstarife für Mann und Frau

Trotz massiver Proteste der Versicherungswirtschaft hat die EU-Kommission einen Vorschlag verabschiedet, der gleiche Versicherungstarife für Männer und Frauen vorsieht. Private Lebens-oder Krankenversicherer sollen weiblichen Kunden nicht mehr die durchschnittlich höhere Lebenserwartung von Frauen berechnen dürfen.

Männer sollen dafür weniger in die Auto-oder Risiko-Lebensversicherung einzahlen müssen. EU-Kommissarin Anna Diamantopoulou sprach von einer "neuen Ära" in der Geschichte der Anti-Diskriminierungspolitik in Europa.

Zum ersten Mal hat die Kommission einen Gesetzesvorschlag zur Gleichberechtigung der Geschlechter außerhalb des Arbeitsplatzes vorgelegt. Sie folgt damit einem Auftrag der EU-Regierungschefs.

Der neue Richtlinie will diskriminierende Praktiken bei allen Warenangeboten und Dienstleistungen auf dem europäischen Binnenmarkt bekämpfen. Exklusive Angebote für das eine oder andere Geschlecht wie private Herren-oder Damen-Clubs sind davon nicht berührt. Die Richtlinie kann erst nach Konsultation des Europaparlaments und mit Zustimmung aller EU-Regierungen in Kraft treten.

Umwelt, Ernährung und sozialer Status

Für Kommissarin Anna Diamantopoulou ist es an der Zeit, den "Solidargedanken" der gesetzlichen Versicherung auch im Privatsektor einzuführen. Schließlich drängten die Regierungen die Bürger immer energischer zum Abschluss von Privatversicherungen. Studien hätten gezeigt, dass für die immer noch bestehende unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen kaum noch biologische Gründe ausschlaggebend seien.

Umwelt, Ernährung und sozialer Status spielten eine große Rolle. Wenn alle diese Faktoren berücksichtigt würden, könnte der Unterschied nur noch mit maximal zwei Jahren veranschlagt werden. Die überwältigende Mehrheit der Männer und Frauen, nämlich 86 Prozent, würden in etwa demselben Alter sterben, argumentierte die griechische Kommissarin.

"Wir können die Menschen nicht bestrafen, weil sie entweder als Männer oder als Frauen geboren wurden", sagte Diamantopoulou. Sie warf den Versichern vor, mit teilweise "uralten" Tabellen zu hantieren.

"Frauen sind eben um vierzig Prozent teurer"

Nach Ansicht Diamantopoulous lässt sich "schwer voraussagen", ob die Versicherungsprämien durch die Brüsseler Pläne insgesamt teurer würden. Die Versicherungswirtschaft dagegen droht bereits mit Preissteigerungen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rechnet damit, dass etwa die Riester-Rente für Männer im Schnitt um zehn Prozent teurer würde.

Der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) will auch einen Gang vor den Europäischen Gerichtshof nicht ausschließen, sollten die Brüsseler Pläne Realität werden. Ein Sprecher sagte dem Tagesspiegel, Frauen seien eben "um vierzig Prozent teurer".

Ziel der Richtlinie ist, auch auf allen anderen Märkten für Dienstleistungen Diskrimierungen wegen des Geschlechts zu unterbinden.

Ein Überblick:

VERSICHERUNGEN: Anders als bisher europaweit üblich will Brüssel gleiche Tarife für Frauen und Männer erreichen. Bisher zahlen Frauen für ihre private Altersvorsorge und für Krankenversicherungen deutlich mehr. Während die Branche dies mit der höheren Lebenserwartung der Frauen begründet, sieht Brüssel eine Diskriminierung. Abhilfe sollen so genannte Unisex-Tarife schaffen. Allerdings würden damit die bisher für Frauen günstigeren Auto- oder Kapitallebensversicherungen teurer.

BANKEN: Viele Kreditinstitute betrachten Frauen nach Angaben der EU-Kommission immer noch als das schwächere Geschlecht. So will Diamantopoulou es Banken untersagen, Frauen Darlehen zu verweigern, weil sie in Teilzeit arbeiten oder schwanger sind. Auch müsse der Name von Ehefrauen bei einem Gemeinschaftskonto mit ihrem Partner gleichberechtigt an erster Stelle genannt werden dürfen.

DIENSTLEISTUNGEN: Aufräumen will die EU-Kommission auch mit einem ungleichen Zugang zu Dienstleistungen, etwa verschiedenen Eintrittspreisen für Männer und Frauen. Erlaubt bleiben sollen dagegen höhere Preise für Frauen beim Frisör. Brüssel begründet dies mit den "besonderen Kenntnissen", die für einen Frauenhaarschnitt nötig sind. Auch wenn sich Angebote nur an einGeschlecht richten, soll dies künftig nicht verboten sein. Damit wären etwa reine Frauen- oder Männertage in Saunen auch weiterhin erlaubt.

MEDIEN UND WERBUNG: Entgegen früheren Berichten will Brüssel auf diesem Feld nicht einschreiten. Medien und Werbung transportieren zwar nach Ansicht der EU-Kommission nach wie vor viele Klischees und Vorurteile. Gesellschaftliche Einstellungen ließen sich aber nicht durch ein Gesetz ändern, hieß es.