EU gegen Plastiktaschen Kommt in die Tüte

Die meisten Tüten landen im Müll, doch viele auch in Wäldern und im Wasser, hier im Roten Meer vor Ägypten.

(Foto: dpa)

Mehr als 500 Milliarden Plastiktüten werden pro Jahr weltweit produziert und landen dann im Müll oder im Meer. Die EU will den Verbrauch nun reduzieren. Doch ausnahmsweise ist Europa damit kein Vorreiter.

Report von Malte Conradi

Auch wenn irgendwann einmal all die menschlichen Rätsel von Krieg und Liebe aufgeklärt sein sollten, ein Rätsel wird wohl bleiben: das mit den Plastiktüten. Etwa 100 Milliarden davon werden jedes Jahr aus wertvollem Rohöl allein für die Europäer hergestellt, nur damit diese sie im Schnitt 20 Minuten benutzen. Die meisten Tüten enden dann in der Müllverbrennung, immerhin acht Milliarden Stück aber haben ein langes Leben vor sich. Sie landen in Flüssen, Meeren und in der Landschaft, wo sie noch Jahrhunderte zubringen, bevor sie abgebaut sind.

All das ahnt der durchschnittliche Konsument womöglich, doch wenn er an der Kasse steht, bleibt trotzdem die Frage: Wohin mit all dem Zeug? Sei es Bequemlichkeit oder der Zwang eines beschleunigten Alltags - den allerwenigsten gelingt es offenbar, ständig eine Einkaufstasche bei sich zu tragen.

Jetzt hat sich die EU der Sache angenommen. Sie will erreichen, dass künftig weniger Plastiktüten in Umlauf kommen. Unterhändler der 28 Mitgliedsländer, des Europaparlaments und der Brüsseler Kommission haben sich nach langem Streit auf einen Kompromiss geeinigt. Demnach soll der durchschnittliche Verbrauch von derzeit 200 Tüten je EU-Bürger und Jahr bis zum Jahr 2019 auf etwa 90 verringert werden. Bis 2025 sollen es dann nur noch 45 Tüten sein. Der Einigung müssen die Botschafter der EU-Länder noch zustimmen. Dies könnte Ende der Woche geschehen. Die EU-Kommission zeigte sich in einer ersten Reaktion skeptisch. Eine Sprecherin erklärte, die Behörde unterstütze zwar das Ziel einer Minderung. Sie habe aber "Zweifel, was die Mittel angeht".

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Ein paar Cent bewirken viel

Die EU-Länder sollen die Wahl zwischen zwei Methoden bekommen: Entweder sie machen dem Handel konkrete Zielvorgaben zur Reduzierung des Verbrauchs oder sie belegen jede Tüte von 2017 an mit einer Gebühr.

Die Unterstützer der Idee einer Abgabe haben derzeit ziemlich leichtes Spiel. Sie können auf das Beispiel Irland verweisen. Nachdem die Regierung dort 2002 eine Umweltsteuer von zunächst 15 und später 22 Cent je Tüte erhob, sank der Verbrauch um mehr als 90 Prozent. Heute ist Irland das Land in der EU mit dem geringsten Pro-Kopf-Verbrauch (siehe Grafik). Fischer und Meeresforscher finden seither deutlich weniger Tüten in der Nordsee.

SZ-Grafik; Quelle: EU Komission

Wie war das noch mit der Alternativlosigkeit an der Kasse? Ein paar Cent scheinen da schon viel zu bewirken. Denn von einem Tag auf den anderen schafften es die Iren ja offenbar, zum Einkaufen ein Behältnis mitzubringen. So, wie das die gesamte westliche Welt immer tat, bis das inzwischen untergegangene Kaufhaus Horten im rheinischen Neuss 1961 damit begann, die Einkäufe seiner Kunden in Plastik zu packen. Damals galt die Plastiktüte als Ausweis von Fortschrittlichkeit, heute ist sie vielen ein Symbol für die Wegwerfgesellschaft.