EU-Förderung für Mannheim Eine Stadt wagt den Aufbruch

Mannheim

(Foto: Hans von der Hagen)

Mannheim gilt als unattraktiv und langweilig - zu Unrecht. Mit Hilfe der EU verwandelt sich dort eines der schwierigsten Viertel in eine kreative Keimzelle - und gibt der ganzen Stadt Hoffnung. Ganz geht der Plan jedoch noch nicht auf.

Von Hans von der Hagen, Mannheim

Ausgerechnet Mannheim. Von überall her pilgern sie dorthin, aus anderen Städten, selbst aus dem Ausland. Sie wollen sehen, wie sich eine Stadt verwandelt, die vielen nur als Industriemetropole gilt und manchen als einer der hässlichsten Orte Deutschlands. Ausgerechnet Mannheim, wo selbst zu heiteren Anlässen wie dem Neujahrsempfang Oberbürgermeister Peter Kurz bekennt, dass die Stadt nicht "angemessen wahrgenommen" werde - und das seit nunmehr "über 100 Jahren".

recherche_artikel

"Weitermachen nach der Krise - was wird aus der europäischen Idee?" Diese Frage hat unsere Leser in der fünften Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von zahlreichen Beiträgen, die sie beantworten sollen. Alles zur Europa-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Was macht diese Stadt mit ihrem dezenten Minderwertigkeitskomplex so bemerkenswert? Wer sich auf die Suche nach der Antwort begibt, landet an einem kleinen Verbindungskanal zwischen Rhein und Neckar im Stadtteil Jungbusch. Der verbindet zwar nicht mehr viel, weil der Mannheimer Hafen, an dem jeden Tag zehntausende Tonnen umgeschlagen werden, sich in andere Gebiete zurückgezogen hat. Im Jungbusch finden sich dennoch die zwei Gebäude, die die Vertreter anderer Städte und Länder oft als erstes sehen möchten: Das eine ist die Popakademie, das andere der Musikpark Mannheim, ein Gründungszentrum für Musiker und Musikwirtschaftler. Es sind keine eleganten Industrielofts, die da auf dem ehemaligen Werftgelände stehen, sondern Zweckbauten. Aber sie stehen für einen Aufbruch, der mit Schloten und Kränen nichts mehr zu tun hat, dafür viel mit der Kreativszene.

Mannheim

(Foto: Hans von der Hagen)

Kristallisationspunkte Europas

Die Gebäude sind die Hoffnung einer Region, die ächzt, weil sie viele Zuwanderer integrieren muss und zugleich die Abwanderung der Industrie stoppen will. Sie sind Hoffnung für die Stadt, die den Jungbusch, in dem noch vor wenigen Jahren Gewalt grassierte und den Einheimische mal Texas, mal Klein-Istanbul nannten, zu einem lebenswerten Stadtviertel machen möchte. Und Hoffnung für Stadtchef Kurz, der sagt: "Kreativwirtschaft ist ein belebender Faktor, der das Klima, das urbane Leben in einer Stadt prägt und die Stadt insgesamt attraktiver macht." Zugleich sind diese Gebäude Kristallisationspunkte des abstrakten Gebildes Europäische Union.

Mannheim

(Foto: Hans von der Hagen)

"Ohne Europa wäre das alles nicht entstanden", sagt Peter Simon. Franzosen, Italiener, Spanier, Deutsche - sie alle haben über den Umweg Brüssel die Hälfte von dem bezahlt, was am Kanal zu sehen ist. Simon ist Europa-Abgeordneter für die SPD. Architektenbrille, kurz gehaltener Henriquatre-Bart, freundlich und sehr stolz. Auf Europa, auf Mannheim und auf sich selbst. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Aber gut, es ist Wahlkampf, da kann man ruhig demonstrativ stolz sein. Und die Verve, die er an den Tag legt, ist echt.

Doch heißt EU-Förderung nicht ohnehin nur: Geld zurückholen, das Berlin nach Brüssel überweist, das dort dezimiert wird und dann zweckgebunden wieder zurückkommt? Simon reagiert fast ungehalten: "Nie hätten wir für Projekte wie den Musikpark oder die Popakademie das Geld allein aus dem Landeshaushalt bekommen."

Dass Mannheim so auf Europa setzt, sieht Simon auch als seinen Erfolg: Als er noch Jurist bei der Stadtverwaltung war, erkannte er auf einer Sitzung des Deutschen Städtetages, dass es zwei Sorten von Städten gab: die, die EU-Hilfen in Anspruch nahmen und die vielen anderen, die nichts über EU-Fördergelder wussten - oder nichts davon wissen wollten. Damals, 1996, habe ihm ein Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg erklärt: "Wir brauchen kein Geld aus Brüssel." Ansonsten würde das Land ja öffentlich machen, dass es dort strukturschwache städtische Räume gebe. Da sei der Imageschaden viel größer als alle Mittel, die man je von der EU einwerben könnte. "Und da dachte ich mir", sagt Simon: "So nicht."

Er entwickelte mit Hilfe von Kollegen aus dem Ruhrgebiet ein Konzept, das es Mannheim ermöglichen sollte, die europäische Ebene genauso mitzudenken wie die Ebene Bund und Land. Mitzudenken, das bedeutete konkret: Geld, das Europa anbietet, auch zu beantragen. Die Strategie hatte Erfolg. Mannheim hat Europa mittlerweile fest integriert. Aus vielen Fördertöpfen fließt Geld hierher, seit Ende der neunziger Jahre knapp 70 Millionen Euro.

Pop-Musik auf Hochschulniveau

Mannheim

(Foto: Hans von der Hagen)

Ohne dieses Geld aus Europa würde es einen Job wie den von Udo Dahmen nicht geben. Der ist Mitgründer und Co-Chef der Popakademie. Wenn man mit ihm durch das Gebäude läuft, hört man oft "Hallo", die meisten Studenten kennt er mit Namen. Im Treppenhaus kommt ihm ein junger Mann entgegen. "Das ist Jonny König", sagt Dahmen, "der neue Schlagzeuger bei Söhne Mannheims".

Gleich darauf öffnet Dahmen eine Tür. Dahinter arbeiten Julius Voigtländer und Gregor Brechmann am Computer mit ihren Musikprogrammen - zwei DJs und Producer, die unter ihren Künstlernamen Jewelz & Scott Sparks auftreten.

Die drei Studenten sind Teil der Erfolgsbilanz der Akademie, die erstmals in Deutschland die Ausbildung in der populären Musik auf Hochschulniveau brachte und Vorbild für ähnliche Einrichtungen ist. Etwa 100 Studenten nimmt die Hochschule pro Jahrgang auf. Am Ende könnten im künstlerischen Bereich etwa 90 Prozent der Absolventen "auskömmlich von der Musik leben", sagt Dahmen. Soll heißen: Es läuft gut für die Akademie.

Mannheim

(Foto: Hans von der Hagen)

Corona von Unternehmen um die Musikinstitutionen

Sebastian Dresel, im Musikpark nebenan Beauftragter für Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt Mannheim, sagt, die Popakademie sei keine akademisierte Castingshow, sondern wolle gemeinsam mit dem Gründerzentrum in das Stadtviertel hinein wirken. In dem Musikpark haben gut 60 Unternehmen Platz gefunden - und mit ihnen 200 Jobs.

Sebastian Dresel arbeitet im Musikpark der Stadt Mannheim. Auf seiner Visitenkarte steht: Beauftragter für Kultur- und Kreativwirtschaften. Früher war er DJ.

(Foto: hgn)

Wenn statt der Akademie dort am Verbindungskanal nur das Verwaltungsgebäude einer mitteldeutschen Versicherung stünde, "würde kein Mensch im Stadtteil mit diesem Gebäude interagieren wollen", sagt Dresel. Doch nun bildeten sich wie eine Corona neue Unternehmen um den Komplex, die teils gar nichts mehr mit Musik zu tun hätten - "eine Tanzschule, eine Veranstaltungsagentur, ein Grafikbüro - und eine Security-Firma, weil es mittlerweile so viele Veranstaltungen hier gibt".