Flüchtlinge in Deutschland Lasst sie arbeiten!

  • Politik, Wirtschaft und Gesellschaft muss für die Flüchtlinge Ausbildung und Arbeit in Deutschland in Teilen neu organisieren.
  • Es herrscht derzeit eine erschreckende Diskrepanz zwischen der Größe der Aufgabe und dem eher kleinteiligen Horizont der Akteure.
Von Marc Beise

Wie immer das große Flüchtlingsdrama weitergeht, das die Menschen in Deutschland und Europa bewegt, eines muss klar sein: Viele der mehr als eine Million Menschen, die in diesem Jahr nach Deutschland kommen, werden lange bleiben. Sie zu integrieren, wird eine beherrschende Aufgabe der kommenden Jahre. Die maßgeblichen Integrationssysteme sind Bildung und Arbeitsmarkt; keine Studie, in der das nicht erwähnt wird. Aber von der Erkenntnis zum Tun ist es ein weiter Weg.

Viele politische Entscheider gefallen sich derzeit darin, vor allem Probleme zu benennen. Auch die schon von ihrer Amtsbezeichnung her zuständige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles dämpft regelmäßig die Erwartungen, dass man Flüchtlinge in größerer Zahl in den Arbeitsmarkt integrieren könne. "Der syrische Arzt ist nicht der Normalfall", redet sie die Qualifikation der Neuankömmlinge klein und prognostiziert steigende Arbeitslosen- und Hartz-IV-Zahlen. Und wenn sie schon dabei ist, freut sie sich auch gleich noch im Kreise von Gewerkschaftern darüber, dass der Mindestlohn "gerade noch rechtzeitig" eingeführt worden sei, um "die Ausbeutung von Flüchtlingen" zu verhindern. Da stellt sich die Frage: Ist sich die Ministerin Nahles des Ernstes der Lage und der Größe der Aufgabe wirklich bewusst, vor der gerade auch ihr Haus und ihre Beamten stehen?

Ausbeutung ist nicht schön, nein, aber ist eine mögliche Ausbeutung im Arbeitsleben durch Niedriglöhne ganz ernsthaft wirklich das zentrale Problem bei der Integration der Zuwanderer? Oder muss es für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht vielmehr darum gehen, mit aller Kraft überhaupt Ausbildung und Arbeit zu organisieren, damit möglichst wenige Migranten in die gesellschaftliche Isolation rutschen und womöglich dauerhaft alimentiert werden müssen?

Altes Denken überwinden

Zu beobachten ist derzeit eine erschreckende Diskrepanz zwischen der Größe der Aufgabe und dem eher kleinteiligen Horizont der Akteure. Mit dem Flüchtlingsthema ist Deutschland eine gewaltige Herausforderung zugewachsen, vielleicht die wichtigste seit den Aufbaujahren nach 1945, größer als die Wiedervereinigung. Wer diese Aufgabe bewältigen will, muss groß denken, und neu denken.

Illustration: Stefan Dimitrov

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Stattdessen machen viele weiter wie bisher, spielen die alten Spielchen, verlieren sich im parteipolitischen Gezänk. Das gewaltige Wort der Kanzlerin "Wir schaffen das!" wird von den eigenen Leuten marginalisiert. Dabei gibt es gar keine Alternative, als zu versuchen, "es zu schaffen". Selbst wenn jetzt Zäune errichtet, Mauern gebaut, Grenzen geschlossen würden, eine Million und mehr Menschen sind ja schon da, und viele werden bleiben. Soll die Situation nicht außer Kontrolle geraten, muss die Integration schnell und möglichst umfassend gelingen.

Bildung und Arbeit - darum geht es also. Bisher aber geschieht wenig, um die Flüchtlinge in Arbeit zu bringen. Dabei sind die Voraussetzungen so gut wie selten. Ausgerechnet jetzt präsentiert sich der deutsche Arbeitsmarkt in glänzender Verfassung. Die Arbeitslosigkeit liegt weit unter drei Millionen (es waren schon mal fünf), im Oktober waren 2,65 Millionen Arbeitslose bei der Bundesagentur für Arbeit registriert, so wenige wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Die Beschäftigungsquote befindet sich auf einem Allzeithoch, die Statistik meldet 43,4 Millionen Erwerbstätige. 612 000 Stellen sind als offen gemeldet.