Essay Wir haben keine Ahnung, was wir essen

Die Vielfalt, die wir in den Supermärkten zu sehen glauben, ist in Wirklichkeit gar keine.

(Foto: Monique Wüstenhagen/dpa)

Die Folge: Langweiliges Einheitsessen, das unser kulinarisches Erbe und lokale Märkte zerstört. Der Wert des Essens muss endlich neu definiert werden.

Essay von Jan Willmroth

Der Gang in einen gewöhnlichen Supermarkt beginnt in der Abteilung für Obst und Gemüse, so ist das üblich. Frische Äpfel, Salate und Tropenfrüchte strahlen Gesundheit aus. Wer seinen Einkauf beim Gemüse beginnt, durchschreitet die übrigen Bereiche des Geschäfts mit dem Gefühl, sich etwas Gutes zu tun. Es wird dann wahrscheinlicher, dass der Kunde sich von den übrigen 25 000 Produkten eines durchschnittlichen Supermarkts noch etwas mehr gönnt. Gerade von jenen Dingen, die als ungesund gelten.

Sehr wahrscheinlich liegen dann bereits Tomaten im Einkaufswagen. Zehn Kilogramm Tomaten verbraucht jeder Einwohner durchschnittlich pro Jahr. Das macht die frische Tomate zum beliebtesten Gemüse in Deutschland, mit Abstand, gefolgt von Möhren, Gurken und Zwiebeln. Das ist sie noch nicht lange. Erst um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde die Tomate nach und nach in Deutschland als Lebensmittel bekannt. Heute ist die Tomate mehr als nur ein beliebtes Gemüse. Sie ist das Symbol einer großen Illusion.

Was Menschen heute in Supermärkten kaufen, in denen es kaum noch saisonale Ausnahmen gibt, ist nur noch die Idee einer Tomate. Irgendwo auf dem Weg von Mittel- und Südamerika zu den Tellern auf der Nordhalbkugel scheint jemand beim Züchten vergessen zu haben, dass diese Kulturpflanze auch nach etwas schmecken sollte, anstatt nur gleichmäßig knallrot zu sein. Übrig geblieben ist eine industrialisierte Einheits-Strauchtomate, unreif geerntet in den gigantischen Gewächshäusern von Almería an der spanischen Mittelmeerküste, deren weiße Plastikdächer noch auf Satellitenfotos zu erkennen sind und unter denen Tomatenpflanzen in Nährlösung hängen.

Die Produktvielfalt hierzulande ist in Wahrheit gar keine

Die selbstverständliche Anwendung marktwirtschaftlicher Prinzipien auf die weltweite Lebensmittelwirtschaft hat eine Konformität zur Folge, die das kulinarische Erbe ganzer Kulturen unterwirft. Supermärkte suggerieren Vielfalt, mancher ist überfordert von den Zehntausenden ständig neu erfundenen und beworbenen Kunstprodukten. Diese Produktvielfalt aber ist nur eine vermeintliche.

Essen Ende der Ernährungs-Illusion

Olivenöl, das ranzig schmeckt, ein Vorzeige-Biobetrieb, der seinen Schweinen Antibiotika verabreicht. Ein Skandal? Eher nicht.

Die frischen Waren sind es, die den ganzen Irrsinn der globalisierten Lebensmittelwirtschaft demonstrieren. Es mag mehr als 5000 Kartoffelsorten geben, in deutschen Supermärkten stehen regelmäßig nur fünf. Wer auf einem Markt in Südosteuropa mal eine Aubergine gekauft und sie zubereitet hat, wird sich über das Aroma der plastikähnlichen Exemplare in seinen Geschäften zu Hause wundern. Einheitstomaten, Erdbeeren im Winter, tropische Früchte während des ganzen Jahres, Biokarotten vom anderen Ende der Welt, neuseeländische Hybrid-Äpfel, die nicht mehr braun werden, absurd billiger Tiefkühlfisch aus indonesischen Aquakulturen, geschmackloses Hühnerfleisch, vieles mehr: Der inhärente Anspruch auf ständige Verfügbarkeit hat eine Ernährungskultur befördert, in der unter dem Deckmantel der Vielfalt der Sinn für und das Wissen um Produktqualitäten verloren geht oder schon verschwunden ist. Das ist zunehmend gefährlich, nicht nur in kulturhistorischer Hinsicht.

Hilfe, woher stammt der Fisch auf meinem Teller?

An dieser Stelle hilft es, den "Schleier des Nichtwissens" zu bemühen, ein zentrales Element der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls. Der amerikanische Philosoph beschreibt damit einen fiktiven Urzustand, in dem alle Menschen gleich sind: Sie können zwar über die künftige Ordnung einer Gesellschaft entscheiden, wissen aber nicht, welchen Platz sie in dieser Ordnung einnehmen werden. Sie treffen eine Wahl, die konkreten Folgen ihres Handelns für sie selbst bleiben aber hinter einem Vorhang, dem Schleier, verborgen.

Übertragen auf Entscheidungssituationen von Konsumenten heißt das: Wenn sie einkaufen, werden sie Teil eines komplexen Systems, in dem sie die Folgen ihres Handelns für sich und die anderen Elemente dieses Systems niemals in letzter Konsequenz abschätzen können. Wer ein abgepacktes Fischfilet kauft, weiß nicht um die konkreten Auswirkungen auf die eigene Gesundheit. Er weiß nicht, woher genau der Fisch stammt, wie viel Plastik- und Schadstoffrückstände er enthält, wer ihn gefangen, verarbeitet und transportiert hat, wie viele Menschen mit welchen Beiträgen an der Wertschöpfungskette teilnehmen. Einzig, dass es solch konkrete Folgen gibt und die eigene Konsumentscheidung das Leben unbekannter Menschen beeinflusst, ist von vornherein sicher.