sueddeutsche.de: Ihre Grundidee ist, wie in der traditionellen Ökonomie, dass Marktwirtschaft und Freiheit zusammengehören. In der Realität aber haben Volkswirtschaften wie China und Russland mit staatlich gelenkten Riesenkonzernen Erfolg.

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Marx: Fragt sich nur: Wie lange? Da wollen wir mal abwarten. Da bin ich doch geprägt von der sozialen Marktwirtschaft. Auf Dauer wird nur eine Ordnung nachhaltig und langfristig überleben, die die Freiheit des Menschen respektiert. In Russland und China erleben wir noch keine soziale Marktwirtschaft, sondern Feudalkapitalismus.

sueddeutsche.de: Tatsächlich verändert sich eben mit diesem "Feudalkapitalismus", wie Sie das nennen, die politische Architektur der Weltmächte.

Marx: Wo keine Demokratie ist und wo Menschenrechte nicht geachtet werden, da kann es langfristig kein erfolgreiches Gemeinwesen geben. Das gehört zusammen. Und wo kein erfolgreiches Gemeinwesen ist, wird auch die Wirtschaft nicht funktionieren. Es ist wichtig, dass der Westen für seine Werte wirbt, ja engagiert eintritt: Die soziale Marktwirtschaft ist eine Wirtschaftsidee, eine Gesellschaftsvorlage und ein Zivilisationsprodukt, die ein Minimum an Fairplay und damit ethischer Substanz unter den Akteuren fordert. Und sie ist langfristig ohne Alternative.

sueddeutsche.de: Banken brechen in dieser Marktwirtschaft zusammen, ganze Branchen leiden Not. Gehört es zur gesellschaftlichen Verantwortung, dass der Staat Milliarden Euro hineinschießt oder sogar zum Unternehmer auf Zeit wird? Dass sich also die Forderung nach Vergesellschaftung von Karl Marx temporär erfüllt?

Marx: Wir haben all die Jahre andere Debatten geführt: Der Staat soll sich aus allem heraushalten! Jetzt wundere ich mich, dass dieselben Leute, die das damals gefordert haben, inzwischen das Umgekehrte fordern. Vielleicht ist es doch nicht so verkehrt, mal als Theologe über Ökonomie zu reden. Wir haben neu lernen müssen, dass sich nicht alles über Märkte von selber regelt.

sueddeutsche.de: Wie viel Staat ist denn notwendig?

Marx: Die Wirtschaft muss sicher einen Freiraum haben. Sie ist ein autonomer Kultursachbereich, sagt die katholische Soziallehre. Deswegen sollte man das wirtschaftliche Geschehen nicht in die Hand des Staates geben. Der Staat setzt die Rahmenbedingungen, aber Märkte müssen Märkte bleiben. Wenn der Staat eingreift, kann das eine Notoperation sein, wie etwa beim Strukturwandel im Bergbau. Da braucht man staatliche Begleitung. So sieht das im Augenblick auch bei der Automobilindustrie aus. Aber man muss gut überlegen, wie man dann wieder rauskommt - sonst schädigt man auf Dauer das Gesamtsystem.

sueddeutsche.de: Wie lange bleibt die Finanzkrise der Welt erhalten?

Marx: Das Thema ist nicht zu Ende. Die Finanzkrise hat weitreichende Auswirkungen, das spüren wir jeden Tag von neuem. Das wird uns über Jahre beschäftigen. Meine Sorge ist, dass diejenigen, die sowieso schon unten sind, davon noch einmal stärker betroffen sein werden, bei uns und erst recht global.

sueddeutsche.de: Was müsste Ihrer Meinung nach passieren?

Marx: Wir stehen vor der Herausforderung, jetzt Schritt für Schritt eine Weltgesellschaft aufzubauen, in der die Vielfalt der Völker repräsentiert ist, wo Unternehmen über Nationalstaaten hinweg operieren, wo es aber eine Rahmenordnung geben muss, die durchsetzbar ist. Die jetzige Krise sorgt für einen Schub in diese Richtung. Der Weltfinanzgipfel in Washington war erst ein Anfang. Das 21. Jahrhundert wird von der Frage geprägt sein: Schaffen wir so etwas wie eine Weltinnenpolitik?

sueddeutsche.de: Weltinnenpolitik? Weltwirtschaftspolitik würde für den Anfang schon reichen.

Marx: Die Päpste haben den Begriff "Weltgemeinwohl" schon in den sechziger Jahren geprägt. Wir brauchen eine Orientierung an der gesamten Menschheitsfamilie. Wir brauchen eine Ordnungspolitik für die gesamte Welt. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass wir einen Strafgerichtshof haben, vor dem ein Mann wie Milosevic erscheinen muss? Warum soll es in anderen Bereichen, etwa bei der Wirtschaft und den Finanzmärkten, nicht möglich sein, Ordnungen zu schaffen, die auch durchgesetzt werden können?

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(sueddeutsche.de/mel)