Erneuerbare Energie Hunderte Windräder könnten Baugenehmigung bekommen

Windräder nahe Alt Zeschdorf in Brandenburg

(Foto: dpa)

Hunderte Windräder in Deutschland wurden der Flugsicherheit zuliebe nie gebaut. Jetzt zeigt eine Studie, dass womöglich gar keine Gefahr von den Anlagen ausgeht. Das könnte ein Umdenken im Bundesverkehrsministerium bewirken.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Das Funkfeuer ist der Leuchtturm der Lüfte. Es sendet Funksignale, aus denen Flugzeuge ihre Position bestimmen. Rund 60 Funkfeuer gibt es in Deutschland, Gebäude von der Größe einer Garage mit einer Antenne obendrauf. Gerne stehen sie in flachen Regionen, weil dort die Funkwellen den wenigsten Widerstand haben - in flachen Gegenden, die auch Betreiber von Windparks lieben. Schließlich hat auch der Wind dort den geringsten Widerstand.

Dumm nur, dass beides zusammen bislang nicht geht. Seit gut vier Jahren ist die Gegend rund um die Funkfeuer für Windräder tabu - und zwar in einem Radius von 15 Kilometern statt vorher drei Kilometern. Die Signale könnten, so warnt die Deutsche Flugsicherung (DFS), andernfalls "abgeschattet" oder "verfälscht" werden. Denn wie Gebäude können auch Windräder die Wellen ablenken - und erst recht Rotoren, die sich dauernd drehen.

Doch nun, nach einer Studie, die neue, überraschende Erkenntnisse gebracht hat, könnte es sein, dass Alexander Dobrindt, der zuständige Bundesverkehrsminister, die Tabuzone wieder deutlich einschränkt. Die Windbranche würde es freuen. Denn ganze Windparks können wegen der 15-Kilometer-Grenze derzeit nicht gebaut werden. Als der Branchenverband BWE im vorigen Jahr seine Mitglieder befragte, meldeten sich Dutzende Betreiber. Ergebnis: Grob gerechnet 600 Windräder erhalten wegen der Funkfeuer keine Genehmigung.

"Eine pauschale Ablehnung ist nicht akzeptabel. Das verkennt die Wirklichkeit"

Das gilt auch für jene neun Windräder beim Drehfunkfeuer Michaelsdorf in Ostholstein, nicht weit von Fehmarn. Neun alte Windräder sollten dort durch neun neue, höhere ersetzt werden, doch die zuständige Bundesbehörde spielte nicht mit - zum Ärger der Kieler Landesregierung. "Klar, Flugsicherheit muss immer gewährleistet sein", sagt Schleswig-Holsteins Energieminister Robert Habeck (Grüne). "Aber eine pauschale Ablehnung ist nicht akzeptabel. Das verkennt die Wirklichkeit." Jetzt aber könnte genau dieses Funkfeuer in Michaelsdorf die Wende bringen.

Denn die Landesregierung setzte Spezialflugzeuge in Gang, die den potenziellen "Abschattungen" und "Verfälschungen" nachgingen. Schließlich gab es ja rund ums Funkfeuer schon Windräder, gebaut noch unter der Drei-Kilometer-Regel. Einen solchen Test hatte es weltweit noch nie gegeben. Das Ergebnis ist eine Art Freispruch für Windräder, zumindest für jene um Michaelsdorf: Wo das Funksignal die stärksten Fehler aufweise, sei dies "auf Störungen im Nahfeld zurückzuführen und keinesfalls auf Windenergieanlagen im Bestand", schreiben die Gutachter von Flight Calibration Services. Auch Bäume oder Gebäude in der direkten Umgebung können die Ausbreitung des Funkfeuers stören. Jedenfalls gebe es keine Bedenken, dass durch weitere Windräder "ein messbares Störpotenzial hinzukommen könne", heißt es im Gutachten. Erst im Februar hatte sich das Verwaltungsgericht Oldenburg gegen die strikten Zirkel ausgesprochen, damals rund ums Funkfeuer Bremen.

Ein Umdenken setzt offenbar auch im Bundesverkehrsministerium ein. Die Untersuchungen im Fall Michaelsdorf, so schrieb jüngst Minister Dobrindt (CSU) an den Kieler Minister Habeck, erbrächten einen "grundsätzlich neuen Beitrag für die wissenschaftliche Diskussion". Womöglich reichten dort auch drei Kilometer. Die DFS prüfe bis zum Sommer auf Basis eigener Gutachten, ob sie künftig andere Maßstäbe anlege.