Von Silvia Liebrich

Billige Imitate machen der Nahrungsmittelindustrie immer mehr zu schaffen - öffentlich bekannt wird jedoch nur ein Bruchteil dieser Fälle.

Fälscher machen den Herstellern von Lebensmittel zunehmend zu schaffen. Jüngstes Opfer ist der italienische Süßwarenhersteller Ferrero. In Frankreich entdeckte der Zoll kurz vor Weihnachten einen Kühlcontainer, randvoll mit nachgemachten Schokopralinen. Die Ware hatte einen Wert von 220.000 Euro und wurde offenbar in der Türkei hergestellt. Laboruntersuchungen zeigten, dass Imitate zwar keine Gefahr für Leib und Leben waren, dafür aber von sehr schlechter Qualität.

Auch der Süßwarenhersteller Haribo ist von kopierwütigen Billigherstellern betroffen. (© Foto: dpa)

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Nach Angaben aus der Industrie nimmt die Zahl der Fälschungen im Nahrungsmittelbereich deutlich zu. "Das klingt zunächst einmal absurd, ist aber ein großes Problem, das ernst genommen werden muss, weil es massiv die Gesundheit der Verbraucher betrifft", sagt Ilka Halter, die sich beim deutschen Markenverband mit dem Thema befasst. Dies zeigte im vergangenen Jahr auf besonders dramatische Weise auch der Tod von mehr als zehn Kleinkindern in China, die mit gepanschter Babynahrung vergiftet worden waren. Das darin enthaltene Milchpulver war mit der Chemikalie Melamin versetzt.

Wirtschaftlicher Schaden

Dass viele Hersteller von Konsumartikeln und Industriegütern unter Produktpiraterie leiden, ist nicht neu. "In der Lebensmittelbranche ist dies aber ein relativ neues Phänomen", ergänzt Halder. Viele der betroffenen Unternehmen tun sich schwer damit, dies offiziell einzugestehen. "Die meisten Fälle werden stillschweigend beseitigt", sagt Peter Schommer, Partner der Unternehmensberatung Ernst & Young und Initiator einer Studie zu Produktfälschungen. "Lebensmittel sind Vertrauenssache. Wenn ein Hersteller offen zugibt, dass seine Produkte gefälscht wurden, schürt das Misstrauen bei den Verbrauchern." Viele Hersteller befürchteten herbe Umsatzeinbrüche und einen Imageschaden.

Auch bei Ferrero gibt man sich zugeknöpft im Umgang mit Produktnachahmern. Bei der deutschen Tochtergesellschaft des Unternehmens hieß es, dass man dazu keine Auskunft geben könne. Beim weltweit größten Nahrungshersteller Nestlé fällt die Antwort ebenfalls knapp aus. In Europa seien keine Fälschungen bekannt, heißt es in einer Stellungnahme. Außerhalb seien jedoch immer wieder Fälschungen der Nestlé-Marken Nescafé und Maggi festzustellen, räumt der Konzern ein. Diese stammten häufig aus China.

Zum wirtschaftlichen Schaden, der dadurch entsteht, wollte sich der Schweizer Konzern nicht äußern. "Viele Unternehmen erfassen den Verlust nicht systematisch. Deshalb lässt sich der Schaden, den Fälscher anrichten, kaum abschätzen", meint Schommer. Europaweit gehen der gesamten Konsumgüterbranche nach Berechnungen von Ernst & Young durch Fälschungen jährlich etwa 35 Milliarden Euro an Umsatz verloren. Allein 2007 zogen Zollbeamte in Europa mehr als fünf Millionen gefälschte Lebensmittel aus dem Verkehr. Die Dunkelziffer dürfte allerdings deutlich höher sein, weil nur fünf Prozent der in Umlauf befindlichen Waren kontrolliert werden.

Gefälschte Ware aus Osteuropa

Die Bandbreite der nachgemachten Lebensmittel ist groß, sie reicht von geräuchertem Schinken über Süßwaren bis zu Babynahrung und Getränken. Als eine Hochburg für Lebensmittelfälscher gilt China. Betroffen ist davon auch der Gummibärchenhersteller Haribo. "Es kommt immer wieder vor, dass in China Imitationen unserer Goldbären auftauchen", so ein Firmensprecher. Meist seien diese aber auf den ersten Blick also solche erkennbar, weil entweder das Logo oder andere Details auf der Verpackung nicht stimmten. Dagegen vorzugehen sei schwierig. In Europa seien diese Fälschungen bislang nicht aufgetaucht.

Auf den europäischen Markt gelangt dagegen nach Angaben von Ernst & Young gefälschte Ware aus Osteuropa. Vertrieben werden die Produkte überwiegend über die gleichen Kanäle wie die Originale. 37 Prozent der Imitate wurden demzufolge im Einzelhandel entdeckt, 33 Prozent im Großhandel. Auch das Internet gewinne als Umschlagplatz an Bedeutung, ergänzte Schommer.

Ein Anreiz für Fälscher in Europa sind vor allem hochwertige Lebensmittel wie Champagner oder Kaviar. Immer wieder wird im Einzelhandel auch italienischer Parmaschinken entdeckt, der diesen Titel zu Unrecht trägt. Nur Schinken, der wirklich in der Region Parma hergestellt wurde, darf mit dieser Bezeichnung verkauft werden. "Hinter diesen Betrugsfällen stecken häufig mafiöse Strukturen", ergänzt Halder vom Markenverband, "die kriminelle Energie der Fälscher ist hoch", sagt sie. Im Gegensatz etwa zu Drogenhändlern müssten Lebensmittelfälscher kaum mit gravierenden Strafen rechnen. "Die Chance, Gewinne zu machen, ist nahezu ohne Risiko, weil in vielen Ländern die entsprechenden Gesetze fehlen", ergänzt Halder.

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(SZ vom 17.01.2009/tob)