Ermittlungen gegen Kartoffel-Kartell Das große Geld mit Linda und Belana

Jede Menge verschiedene Sorten - mit den Lizenzen lässt sich das große Geld machen.

(Foto: dpa)

Luxuskarossen, mutmaßliche Preisabsprachen und Monopole der Züchter: Ein Kartoffel-Kartell macht mit der kleinen Knolle das große Geschäft. Während womöglich auch die Supermärkte davon profitieren, entsteht für die Bauern großer Schaden.

Von Hans Leyendecker und Klaus Ott

Jede Branche hat ihr eigenes Milieu, ihr spezielles Aroma, und es gibt manchmal Auffälligkeiten, die die Zeit in ein Davor und ein Danach scheiden.

Vor dem mutmaßlichen Kartoffel-Kartell bevorzugten Chefs großer Handels- und Sortierbetriebe eher unauffällige Autos - wie Volvo oder gewöhnliche Daimler-Diesel. Danach wurde in der Branche klotzig verdient, was sich auch an der neuen Auswahl des Fuhrparks zeigt: Einige Größen der Branchen bevorzugen jetzt Wagen der CL-Klasse von Mercedes-Benz: Sie fahren in einem CL 63 AMG oder in einem CL AMG 65 vor. Exklusiv, luxuriös. Man hat es sich doch verdient.

Die Luxuskarossen passen derzeit nicht so ganz zu der Befindlichkeit der Branche. Seit einer Weile geht schon das Gerücht um, ein ehemaliger Angestellter habe beim Bundeskartellamt wegen Preisabsprachen anonym Anzeige erstattet oder ausgepackt. An ein paar Personal-Rochaden und auch Firmenverkäufen war die aufkommende Nervosität zu erkennen und auch daran, dass sich einige der Kartoffel-Manager in jüngerer Zeit Handys mit Prepaid-Karte zulegten: Sicher ist sicher. Man weiß doch nicht, wer noch zuhört. Wenn es um Kartelle geht, ist die Prepaid-Karte sozusagen systemimmanent.

Bauern wie Verbraucher zahlen die Zeche

Die Republik staunt über die Kartoffel-Branche: Das Bundeskartellamt ermittelt gegen zahlreiche große Betriebe, offenbar zehn und mehr an der Zahl. Gegen fünf Firmen wurden bereits Bußgeldverfahren eingeleitet. Das allein zeigt schon die Dimensionen dieses Falles. Gewöhnlich bilden nur ganz wenige Unternehmen ein Kartell.

Jeder Wettbewerbsverstoß schadet irgendjemanden, und in diesem Fall zahlen wohl Bauern wie Verbraucher die Zeche. Auf der Gewinnerseite sind Kartoffelfabriken, Abpackbetriebe - und womöglich auch die Supermarktketten, die überteuerte Ware gekauft haben sollen. Es ist deshalb kein Aufschrei der Discounter- und Einzelhandels-Branche zu erwarten, sie sei reingelegt worden. Reingelegt? Es könnte ganz anders sein.

Früher musste eine Supermarktkette die Kartoffel-Tarife bei den anderen Discountern immer im Blick haben und zur Grundlage der eigenen Kalkulation machen. Unterscheiden sich die (angeblich abgesprochenen) Angebote der großen Erdäpfel-Händler kaum noch, dann haben die Discounter einerseits kaum Spielraum für Preiskämpfe, und geben andererseits einfach die Preisaufschläge an die Verbraucher weiter. Höhere Preise bedeuten dann auch höhere Gewinnmargen für die Supermärkte. Sie könnten also indirekt von einem Kartell profitiert haben.

Die Masse macht den Gewinn

Darüber, welchen Gewinn das vor etwa zehn Jahren angeblich gegründete Kartoffel-Kartell gemacht haben soll, gibt es unterschiedliche Schätzungen. Von 100 bis 500 Millionen Euro ist die Rede. Unklar ist, wie umfassend die Kenntnisse des Anonymus sind, der das Kartellamt in die Spur gebracht hat. Deshalb stützt sich die SZ derzeit auf Branchenkenner, die das System über alle die Jahre verfolgt haben.

Nach deren Expertisen lag die Netto-Marge vor dem Kartell pro Tonne Kartoffeln bei etwa zehn Euro. Nach dem Kartell sei diese Marge, saisonale Schwankungen und Sonderereignisse inbegriffen, auf bis zu 100 Euro geklettert. Besonders viel Geld werde mit den Premium-Kartoffeln verdient, die in kleinen schicken Verpackungen in die Läden kämen. Da liege der Gewinn erheblich höher. Die Masse macht den Gewinn: Pro Kopf werden in Deutschland im Jahr etwa 30 Kilogramm Speisekartoffeln gekauft und verspeist.