Erhöhung des Rentenalters Furcht vor der Rente mit 67

Rentner in Deutschland

(Foto: dpa)

Zu kaputt, zu krank, zu ausgelaugt - viele Menschen fürchten sich vor der Rente mit 67. Einer Studie des DGB zufolge rechnen sie damit, dass sie es nicht schaffen, bis dahin zu arbeiten. Doch wer vorzeitig in Ruhestand geht, verliert Geld.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Für Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen ist der Fall klar: Die Älteren, sagt die CDU-Politikerin, seien so fit wie nie zuvor und bekämen im Durchschnitt inzwischen 18 Jahre Rente. Wenn die Menschen aber immer länger das gesetzliche Altersgeld bezögen, könnten sie "auch ein bisschen länger arbeiten". Viele wollen das, weil sie gerne etwas tun und Geld verdienen wollen - und vielleicht auch ein wenig Angst vor dem Ruhestand haben. Die Rente mit 67 erfüllt Menschen jedoch auch mit Sorge. Sie haben das Gefühl, dass sie es nicht schaffen werden, so lange zu arbeiten. IG-Metall-Chef Berthold Huber sagt dazu: "Solange Taktzeiten von 50 bis 70 Sekunden an Fließbändern und Maschinen zur Realität unserer Hochleistungsgesellschaft gehören, sind die Menschen nach 40 Jahren Maloche kaputt." Arbeiten bis 67 sei für einen guten Teil der Beschäftigten daher unerreichbar.

Nun zeigt eine neue, repräsentative Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) bei knapp 5000 Beschäftigten: Die Arbeitnehmer selbst sehen dies sehr unterschiedlich. Immerhin 42 Prozent rechnen damit, dass sie unter ihren derzeit geltenden Arbeitsbedingungen bis zu ihrer Regelaltersgrenze durchhalten. Knapp die Hälfte (47 Prozent) ist nicht so optimistisch und glaubt nicht daran. Die Rente mit 67 wird seit Anfang 2012 schrittweise eingeführt. Erst von 2030 an gilt das 67. Lebensjahr als neue Regelaltersgrenze. Derzeit liegt sie für den Jahrgang 1948, der 2013 den 65. Geburtstag feiern kann, bei 65 Jahren und zwei Monaten.

Ob sich ein Arbeitnehmer für arbeitsfähig bis zum Ruhestand hält, hängt jedoch sehr von seiner Position, vom Geschlecht und vom Alter ab: Männer sind laut der Umfrage eher als Frauen davon überzeugt, dass sie bis zum Rentenalter durchhalten. Bei den mehr als 55-Jährigen, die noch eine vergleichsweise kurze Zeit bis zum Ruhestand haben, rechnen zumindest 54 Prozent damit, bis dahin so wie bisher weitermachen zu können.

Entscheidend aber ist der Beruf: Nur in einem Drittel der Branchen hält es mehr als die Hälfte der Beschäftigten für wahrscheinlich, dass sie die Regelaltersgrenze erreichen, etwa in der Chemieindustrie, in der öffentlichen Verwaltung oder im Wissenschaftssektor. Besonders gering ist der Anteil im Gastgewerbe, im Sozialwesen, bei den Leiharbeitern oder Reinigungskräften. Hier erwartet nicht einmal ein Drittel der Beschäftigten, die Arbeitsfähigkeit bis zur neuen Regelaltersgrenze zu erhalten.

DGB-Chef fordert "gute und gesunde Arbeitsbedingungen"

Nach Angaben des DGB hängt dies mit der Arbeitsqualität zusammen: Je schlechter die Arbeitsbedingungen, je mehr Schichtarbeit, je mehr schwere körperliche Tätigkeit anfallen, desto häufiger sind sich die jeweiligen Arbeitnehmer sicher, dass sie ungewollt in Frührente müssen.

DGB-Chef Michael Sommer fordert deshalb: "Die Bundesregierung muss endlich einsehen, dass die Rente mit 67 für die meisten Beschäftigten unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen unerreichbar ist und zumindest ausgesetzt werden muss." Er verlangt "gute und gesunde Arbeitsbedingungen", damit die Beschäftigten zumindest bis 65 arbeiten können.

2012 waren Menschen, die erstmals die Altersrente bezogen, 64 Jahre alt. Das Eintrittsalter in die Rente steigt seit Jahren an, 1996 lag es noch bei 62,3 Jahren. Die Zahlen sind jedoch nur beschränkt aussagefähig. Viele der Ruheständler, die erstmals eine Altersrente bekommen, waren vorher arbeitslos, krank, nicht erwerbstätig oder zahlten nicht mehr aktiv in die Rentenkasse ein. Dies zeigen auch andere Statistiken der Deutschen Rentenversicherung: So gingen - ob freiwillig oder gezwungenermaßen - im vergangenen Jahr 39,3 Prozent der 650.000 neu dazugekommenen Altersrentner vorzeitig in den Ruhestand. Im Monat wurde ihnen deshalb von ihrer Rente im Durchschnitt 87 Euro abgezogen.

"Sozialpolitischer Skandal"

Wer vor der Regelaltersgrenze in den Ruhestand eintritt, muss Einbußen bei den Altersbezügen in Kauf nehmen. Diese belaufen sich bis zu einer bestimmten Obergrenze auf 0,3 Prozent pro nicht erreichtem Monat. Zum Problem wird dies vor allem für die Erwerbsminderungsrentner, die wegen einer Krankheit ihren Beruf aufgeben oder vorzeitig mit dem Arbeiten aufhören mussten. Sie beziehen ihre Rente im Schnitt erstmals bereits mit 50 Jahren, die allermeisten von ihnen (97,3 Prozent) verabschieden sich mit Abschlägen vom Berufsleben. Entsprechend niedrig sind ihre Rentenansprüche: Im Jahr 2012 erhielt ein Neurentner mit einer Erwerbsminderungsrente im Durchschnitt 607 Euro. DGB-Chef Sommer hält dies für einen "sozialpolitischen Skandal". Er fordert, genauso wie die Rentenpolitiker aller Parteien, "einen besseren Schutz für diejenigen, die aufgrund gesundheitlicher Probleme frühzeitig vom Arbeitsmarkt verdrängt werden".

Es gibt jedoch auch Fortschritte: Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass im Jahr 2011 immerhin 63,8 Prozent der 55- bis unter 65-Jährigen erwerbstätig waren. Zehn Jahre vorher traf dies auf nicht einmal die Hälfte in dieser Gruppe zu. Deutlich geringer sind die Quoten bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten: Sie liegen nur bei etwa 41 Prozent. Noch niedriger sind sie bei den 60- bis 64-Jährigen. Hier beläuft sich der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auf nur 30 Prozent. Das zeigt: Bis zur Rente mit 67 ist es noch ein langer Weg. Aber es sind auch noch 17 Jahre Zeit.