Erdöl Iran und Saudi-Arabien - zwei Ölgiganten, vereint im Hass

Iran: Aufnahme einer petrochemischen Fabrik bei Assalouyeh (Archiv)

(Foto: REUTERS)

Irans Ölpumpen laufen Tag und Nacht. Auch im Wettstreit auf dem Ölmarkt zeigt sich, wie groß die Feindschaft mit Saudi-Arabien ist.

Kommentar von Tomas Avenarius

Ohne Öl wären Teile des Nahen Ostens bis heute das, was sie vor der Entdeckung des Schmierstoffes aller modernen Industrie- und Überflussgesellschaften waren: endlose Wüsten, verschlafene, von Dattelpalmen umstandene Oasen und kümmerliche Perlenfischer-Hütten am Ufer des Persischen Golfs. Stattdessen sind das heutige Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate Hightech-Konsumgesellschaften. Ebenso der Irak und Iran - vor vielen Jahrhunderten untergegangene Hochkulturen, die ohne den klebrigen Rohstoff heute bestenfalls touristisch von ihrem antiken Nachruhm zehren könnten, wenn sie ihn denn wirklich gelten ließen statt ihn in antimoderner, pseudoislamischer Hybris als heidnisch abzutun.

Allein die Nutzung und die daraus folgende Abhängigkeit aller Industrieländer vom Erdöl und später auch vom Erdgas hat die Staaten rund um den Persischen Golf in die Liga der hoch entwickelten Welt katapultiert. Jedenfalls wirtschaftlich. Der Rohstoffboom hat den Öl-Arabern und den Iranern eine Rolle in der Weltpolitik zugesprochen, die ihnen davor weder von der Wirtschaftskraft noch vom technisch-kulturellen Potenzial, geschweige denn von der globalen Vorbildwirkung ihrer mit religiösem oder traditionellem Ballast bleischwer beladenen Gesellschaftsmodelle zukommt.

Ungewollt eint das Araber und Iraner, auch wenn sie sich spinnefeind sind. Wie spinnefeind sie sind, zeigt der Umgang mit dem Stoff, der ihre globale Bedeutung garantiert. Der Ölpreis ist seit seinem jüngsten Hoch im Juni 2014 abgestürzt. Er fiel von mehr als 100 auf unter 30 Dollar pro Fass. Die Haushalte der nahöstlichen Ölländer, die bis auf Iran alle miteinander klassische Rentiers-Staaten sind, schrumpfen entsprechend zusammen. Länder wie Saudi-Arabien werden bald auf das Eingemachte zurückgreifen müssen: Auf ihre milliardenschweren Staatsfonds und Auslandsanlagen, die irgendwann die Umstellung von subventionierten Öl- auf die sich selbsttragende Dienstleistungsgesellschaften der Zukunft auch am Golf ermöglichen sollten.

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Und Iran? Das Land wurde im jahrelangen Gezerre um sein Nuklearprogramm durch Sanktionen der Weltgemeinschaft wirtschaftlich verkrüppelt. Das lag zum einen Teil an einem mit Mullah-Verve durchgezogenem Festhalten an einer von außen unkontrollierten Atomwirtschaft. Der zweite Grund war die von Washington lange gepflegte Rachsucht für die bitteren Niederlagen in der Frühzeit der Islamischen Revolution.

Jetzt, nach der im Sommer 2015 erreichten Einigung im Atomstreit, hatten die Perser sich zu Recht eine Friedensdividende erhofft. Sie wollten den durch Krieg, Isolation und Sanktionen aufgezwungenen Rückstand im Schnelldurchlauf aufholen. Finanziert werden sollte der ökonomische Sprint mit dem Wiederanfahren der in den Sanktionszeiten heruntergekommenen Ölwirtschaft der Islamischen Republik. Und damit durch das Aufdrehen der Förderventile.

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Doch jetzt, wo das erste iranische Erdöl allmählich wieder ungehindert in den globalen Kreislauf gepumpt werden kann, ist der Fasspreis so niedrig, dass sich alle Förderländer Sorgen machen müssen. Selbst Saudi-Arabien, das anhaltend beinahe am Anschlag pumpt, um seine Marktanteile nicht zu gefährden sowie einerseits die aufstrebende US-Fracking-Industrie zu ruinieren und andererseits die Iraner vom Markt zu halten, muss neu nachdenken. Weshalb die Saudis und die ebenfalls stark vom Öl abhängigen Russen zusammen mit anderen Opec-Staaten beschlossen haben, den Ausstoß des Rohstoffes fürs Erste gemeinsam zu deckeln - das allerdings auf dem ohnehin schon extrem hohen Niveau.

Dabei scheinen die Iraner nicht mitspielen zu wollen. Sie berufen sich auf ihr vermeintliches Vorrecht, den Sanktionsrückstand aufholen zu dürfen, bevor sie später vielleicht doch auf eine gemeinsame Linie einschwenken. Das wirkt kurzsichtig. Denn der Markt fragt nicht, wer das Öl fördert, sondern, was es kostet: Alle Ölstaaten leben vom gleichen Produkt. Etwas mehr Einigkeit der Förderer auch im Nahen Osten würde nicht schaden.

Doch da kommen andere Animositäten ins Spiel. Saudi-Arabien und Iran konkurrieren nicht nur auf dem Rohstoffmarkt. Sie sind erbitterte politische Gegner. In Syrien, im Irak und in Jemen führen sie Stellvertreterkriege auf dem Schlachtfeld, im Rest der Welt wetteifern sie im Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten um die Deutungshoheit in den Köpfen und Herzen der Muslime. So erscheint das Gezerre um den Ölpreis als Fortsetzung nahöstlicher Politik mit anderen Mitteln.

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