Erdöl Die hohen Kosten des billigen Öls

Ölförderung im kalifornischen McKittrick.

(Foto: AFP)

Der dramatisch fallende Rohölpreis freut die Verbraucher, birgt aber auch große Risiken. Welche Fehler die Politik jetzt unbedingt vermeiden muss.

Kommentar von Nikolaus Piper

Öl wird billiger, Woche für Woche, Monat für Monat. Zeitweise schien sich der Preis im freien Fall zu befinden. Am Dienstag kostete ein Fass Nordseeöl der Sorte Brent 29 Dollar, das ist weniger als vor der zweiten Ölkrise 1979. Manche Experten glauben bereits, dass Öl die Marke von 20 Dollar unterschreiten wird.

Vor anderthalb Jahren, als Öl noch 115 Dollar kostete, hätte man über solche Vorhersagen gelacht. Nun schreibt die Internationale Energie-Agentur in ihrem neuesten Bericht, der Ölmarkt könnte "im Überangebot ertrinken". Und der Internationale Währungsfonds glaubt, dass es in diesem und im kommenden Jahr allenfalls moderate Preissteigerungen geben wird. Wenn überhaupt.

Unmittelbarer Anlass der jüngsten Runde des Preisverfalls ist das Ende der westlichen Sanktionen gegen Iran. Die Islamische Republik kehrt auf den Ölmarkt zurück und wird versuchen, so viel wie möglich zu verkaufen, um an Devisen zu kommen. Dem höheren Angebot steht eine geringere Nachfrage gegenüber, weil Chinas Wirtschaft langsamer wächst und weil der Winter in Europa und Nordamerika bisher ungewöhnlich mild war.

Überproduktion lässt den Preis fallen - mit enormen Folgen

Am Anfang des Preisverfalls jedoch stand der Angebotsschock aus den Vereinigten Staaten. Dank der umstrittenen Technik des Fracking (dabei werden öl- und gashaltige Schieferschichten mit einer Mischung aus Sand, Wasser und Chemikalien aufgesprengt) ist Amerika zur neuen Supermacht unter den Ölproduzenten geworden. Saudi-Arabien wollte das verhindern und produzierte ganz bewusst eine Ölschwemme in der Hoffnung, Amerikas Fracking-Firmen zu verdrängen - bisher ohne großen Erfolg. Dafür handelte sich Saudi-Arabien selbst eine schwere Haushaltskrise ein. Der Machtkampf mit dem Regime in Teheran um die Vorherrschaft im Nahen Osten wird jetzt auch auf dem Ölmarkt ausgetragen.

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Für die Menschen in den westlichen Industrieländern ist das alles sehr angenehm, auf den ersten Blick jedenfalls. Heizen und Autofahren wird billiger. An vielen deutschen Tankstellen ist der Preis für einen Liter Diesel auf 90 Cent gefallen. Benzinschluckende SUVs feiern in den Autohäusern Verkaufsrekorde, nicht nur in Amerika. Für den Rest der Volkswirtschaft wirkt der niedrige Ölpreis wie ein Konjunkturprogramm: Die Menschen haben einfach mehr Geld in der Tasche.

Das Problem ist nur: Diese angenehme Seite des billigen Öls wird zunehmend weniger wichtig im Vergleich zu den ökonomischen, sozialen und geopolitischen Kosten. Diese Kosten fallen zwar in den Produzenten-Staaten an, die Folgen werden jedoch auf der ganzen Welt zu spüren sein. Länder wie Saudi-Arabien und Mexiko müssen dramatisch sparen, Russland muss um seine Währungsreserven fürchten. Venezuela, zuvor schon vom Sozialismus des Hugo Chávez ruiniert, nähert sich dem Status eines failed state, eines gescheiterten Staates.

Zwei Fehler müssen in Zukunft unbedingt vermieden werden

Rechnet man die Inflation heraus, ist Öl heute so billig wie vor der ersten Ölkrise 1973/74. Der gigantische Vermögenstransfer, der zwischenzeitlich von den Verbraucher- zu den Produzentenländern stattfand, würde rückgängig gemacht, bliebe es beim heutigen Preisniveau. So weit wird es nicht kommen, trotzdem dürften schwere Verwerfungen nicht zu vermeiden sein.

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Zwei Fehler muss die Politik in den westlichen Industrieländern jetzt vermeiden. Sie darf, erstens, angesichts der zunächst positiven Folgen des billigen Öls für Verbraucher und Staatshaushalte nicht die immensen geopolitischen Risiken übersehen. Es hat ja Gründe, dass die Aktienkurse immer dann einbrechen, wenn der Ölpreis einen größeren Sprung nach unten macht. Und sie darf, zweitens, auch bei einem weiteren Preisverfall nicht davon ausgehen, dass Öl immer so billig bleibt. An der fundamentalen Knappheit fossiler Brennstoffe hat sich ja nichts geändert. Bereits heute wird die Trendumkehr vorbereitet. Die Ölindustrie streicht ihre Investitionen zusammen, auch die amerikanischen Fracking-Unternehmen müssen mehr und mehr Bohrstellen stilllegen. Das wird zwingend zu einem niedrigeren Angebot führen.

Die Konsequenz kann nur sein, die Investitionen in erneuerbare Energie aufrechtzuerhalten, selbst wenn deren Rentabilität momentan schlecht aussehen sollte. Dabei geht es eben nicht nur um Klimaschutz, es geht auch um Energiesicherheit. Das gilt übrigens auch für das Fracking. Die Technik ist hoch umstritten, sie birgt Risiken für die Umwelt und sie ist bei den heutigen Preisen kaum noch rentabel. Trotzdem wäre es - aus Klima- und Sicherheitsgründen - unverantwortlich, die Technik ohne weitere Forschungen einfach einzumotten.

Energiepolitik mit langfristiger Perspektive ist heute wichtiger denn je.

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