Eon und RWE in der Krise Warum Deutschlands Energieriesen taumeln

In Braunkohle - im Bild der Tagebau Garzweiler - hat RWE viel investiert. Das erschwert die Wende.

(Foto: Rainer Unkel/Imago)
  • Der geplante Radikalumbau bei Eon hat zu einem Rekordverlust geführt: Der größte deutsche Energiekonzern verzeichnet ein Minust von 3,2 Milliarden Euro.
  • Auch RWE kämpft mit den Folgen der Energiewende - und warnt vor den dramatischen Folgen auch für die Bevölkerung.
  • Eine Studie zur "Zukunft der großen Energieversorger" im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace kommt derweil zu einem vernichtenden Ergebnis. Die Schuld an der Misere liege bei den Konzernen selbst.
Von Markus Balser, Essen

Generator oder Turbine gesucht? Wie wäre es mit drei 50-Megawatt-Exemplaren des US-Herstellers General Electric - "so gut wie neu"? Das Kraftwerks-Verkaufsportal des Herner RAG-Konzerns weckt weltweit Interesse. Vor zwei Jahren kam der Tochter Mining Solutions die Idee für die Resterampe der deutschen Energiewende. "Unser Angebot an gebrauchten Kraftwerken - hier klicken", lockt die Firma nun.

Potenziellen Kunden öffnet sich eine ganze Liste von Anlagen, betrieben mit Kohle, Gas oder Diesel. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie werden hierzulande nicht mehr gebraucht. Wo genau, ist Geheimsache. Klar ist: Ganze Kraftwerke, die sich in Bayern oder Nordrhein-Westfalen nicht mehr rentieren, könnten schon bald in Afrika oder Russland weiterlaufen.

Der Online-Marktplatz wird in diesen Tagen zum Symbol des Niedergangs einer ganzen Branche. Denn Deutschlands Energiekonzerne müssen wegen des rasanten Wachstums grüner Energie gleich reihenweise Kraftwerke stilllegen. Knapp 50 Anlagen listet die zuständige Bundesnetzagentur bereits auf. Wegen des Booms bei grünem Strom stehen die Anlagen immer häufiger still. Viele rentieren sich schlicht nicht mehr.

RWE-Chef warnt vor dramatischen Folgen

Am Dienstag wurde klar: Besonders hart trifft die Misere Deutschlands größten Stromproduzenten RWE. Auf seiner Bilanzpressekonferenz in Essen drohte der Konzern an, weitere Meiler notfalls stillzulegen. Mit einer raschen Erholung rechnet der Vorstand nicht. "Die wirtschaftliche Situation in der konventionellen Stromerzeugung ist dramatisch", sagte Konzernchef Peter Terium. Ein Satz, der in der Politik zu Recht als Warnung verstanden wird. Denn auch die Bundesregierung weiß: Gehen noch mehr Kraftwerke vom Netz, vor allem in Süddeutschland, drohen dem Land Energieengpässe.

Es lässt sich kaum noch anders sagen: Deutschlands einst mächtige Energieriesen taumeln in diesen Monaten durch die Energiewende. Zwar verzeichnete RWE nach dem Verlust von 2,8 Millionen Euro 2013 im vergangenen Jahr wieder einen Gewinn von 1,7 Milliarden Euro. Doch das betriebliche Ergebnis, die wichtige Messgröße für das laufende Geschäft, brach um 25 Prozent ein. Allein in der konventionellen Stromerzeugung ging es um fast 30 Prozent zurück.

Eon macht radikalen Schnitt, RWE scheint gefesselt

Die Branche steuert auf dramatische Monate zu. Wie Eon schiebt auch RWE einen gigantischen Schuldenberg vor sich her. Nach eingebrochenen Gewinnen im vergangenen Jahr wird der Profit auch im laufenden Jahr deutlich zurückgehen. "Inzwischen sind es 35 bis 45 Prozent unserer konventionellen Kraftwerke, die unter den gegebenen Marktbedingungen kein Geld mehr verdienen", sagte RWE-Chef Terium. Den Konkurrenten Eon trifft es noch schlimmer. Der Düsseldorfer Rivale hat am Mittwoch einen Rekordverlust von 3,2 Milliarden Euro präsentiert.

Alte Welt prallt auf neue Welt

Weg von Atom, Kohle und Gas, hin zu Sonne und Wind: Der Stromkonzern Eon will sein bisheriges Kerngeschäft einem neuen Unternehmen übertragen. Was hinter dem radikalen Umbau steckt und warum die Strategie für den Steuerzahler nicht ohne Risiko ist. Von Michael Bauchmüller mehr ...

Während Eon aber mit der Aufspaltung des Konzerns in zwei Teile und der Konzentration auf grüne Energien und Netze die Flucht nach vorn antritt, scheint RWE ein gefesselter Riese. Terium kann bei RWE keinen radikalen Umbau angehen. Den machen die mächtigen Kommunen, die immer noch jede vierte RWE-Aktie und mehrere Sitze im Aufsichtsrat halten, nicht mit. Sie fürchten um Einfluss und Jobs.

Zwar hatte Terium im Herbst auch bei RWE eine Revolution ausgerufen. Bei einem zweitägigen Führungskräftetreffen skizzierte er noch, wie sich der Versorger vom Stromproduzenten zum Dienstleister entwickeln soll - mit IT-Geräten für das intelligente Zuhause etwa. Auch die Geschäfte im arabischen Raum sollen wachsen. Doch nach Angaben aus Konzernkreisen nimmt Terium derzeit von radikalen Umbauten Abstand. Helfen soll vorerst ein kleinerer Wurf: Ein Großteil der rund 100 Tochtergesellschaften im weitverzweigten RWE-Reich soll in den nächsten Monaten verschwinden und mit anderen Konzernteilen verschmolzen werden.

Konzerne hoffen auf Hilfe vom Staat

Die Energiebranche hofft nun vor allem auf Staatshilfe. Unter dem Stichwort Kapazitätsmarkt fordert sie eine Vergütung für das Bereitstellen von Kraftwerken zu Zeiten, in denen kaum grüner Strom fließt. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat das bislang ausgeschlossen.

Terium warnte am Dienstag erneut vor den Folgen einer Hängepartie - und indirekt vor Blackouts: "Wenn man ein solches Vorhaben erst dann beginnt, wenn merklich Engpässe auftreten, könnte es knapp werden." Auf kurze Sicht soll ein Sparprogramm helfen. Bis 2017 will der Konzern die Kosten um zwei Milliarden Euro drücken. Bislang lag die Vorgabe bei 1,5 Milliarden Euro. Die Folge: Der Konzern schrumpft weiter. Allein 2014 sank die Zahl der Mitarbeiter auch durch verkaufte Geschäftssparten um gut 5100 erstmals auf unter 60 000.

SZ-Grafik

Studie sieht Schuld bei Energieversorgern selbst

Eine Studie zur "Zukunft der großen Energieversorger" im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace kommt derweil zu einem vernichtenden Ergebnis.

Den Studienautoren Heinz-Josef Bontrup und Ralf-Michael Marquardt von der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen zufolge ist nicht in erster Linie die Energiewende schuld an der wirtschaftlichen Situation der Energieversorger, sondern es sind klassische Managementfehler. Die Misere der vier großen Energiekonzerne in Deutschland - Eon, RWE, Vattenfall und EnBW - sei selbst gemacht, heißt es weiter.

So sei das "stark einseitige Setzen" auf eine Laufzeitverlängerung ein "strategischer Fehler" gewesen. Auch ohne die Tragödie in Japan hätte die Branche erkennen müssen, dass die politischen Verhältnisse sich jederzeit ändern könnten. "Das Management der großen Versorger hat die Augen zu lange vor dem absehbaren neuen Energiemarkt verschlossen", lautet ihr Fazit. Die Wissenschaftler prophezeien Eon, RWE & Co. eine düstere Zukunft: Der Schuldenstand der Konzerne sei hoch, die Kreditratings seien schlecht, und der Wert konventioneller Kraftwerke sei im Sinken begriffen. Gleichzeitig setze der steigende Anteil der erneuerbaren Energien die Konzerne unter Druck. "Diese Schraubzwinge wird für die ehemaligen 'Big 4' absehbar nicht lockerer werden, sondern enger."

Der Druck ist längst da. Auch RWE-Vize Rolf Martin Schmitz spürt ihn. Schmitz weiß: Der Marktplatz für ausrangierte Kraftwerke könnte auch für RWE an Bedeutung gewinnen. Der Abbau und Verkauf der Anlagen sei längst ein normales Geschäft, sagt Schmitz. "Verrotten lassen ist schließlich keine Lösung."

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