Energiewende Stürmische Zeiten am Strommarkt

Die beiden Orkantiefs Elon und Felix haben für einen neuen Rekord an Windenergie gesorgt.

(Foto: dpa)
  • Elon und Felix, die zwei Orkantiefs vom Wochenende, haben für eine Rekordproduktion in den deutschen Windstromanlagen gesorgt.
  • Die Netzbetreiber stellt das vor große Herausforderungen, denn sie müssen die Schwankungen ausgleichen. Die Kosten dafür tragen letztlich die Stromkunden.
Von Markus Balser und Michael Bauchmüller, Berlin

Entwurzelte Bäume, lahmgelegte Züge, demolierte Autos - mit Felix und Elon fegten am Wochenende gleich zwei Orkantiefs hintereinander über Deutschland hinweg. Im ganzen Land richteten die Stürme schwere Schäden an. Nur eine Branche freute sich über die Kapriolen: Denn die Unwetter trieben Deutschlands Windstromanlagen zu neuer Rekordproduktion an. In der Spitze erreichten die Windräder am Freitag eine Leistung von 30 700 Megawatt - so viel Windenergie wurde noch nie ins deutsche Netz eingespeist. Zu diesem Zeitpunkt lieferten die Windräder rechnerisch so viel Strom wie etwa 25 Atomkraftwerke.

Damit wurde das erst Mitte Dezember während des Sturmtiefs "Billie" aufgestellte bisherige Windstrom-Allzeithoch von rund 29 000 Megawatt schon wieder übertroffen. So dürfte es weitergehen. Im deutschen Stromnetz haben unruhige Zeiten begonnen. Auch der jüngste Windenergie-Rekord könnte schon bald wieder übertroffen werden. Denn vor der deutschen Küste sollen in diesem Jahr zahlreiche neue Windparks ans Netz gehen. Damit steigen nicht nur die Kapazitäten für grüne Energie deutlich, sondern auch jene Schwankungen im Netz, die Betreiber von Stromautobahnen fürchten.

"Wir arbeiten immer häufiger am Limit", sagte Tennet-Deutschland-Chef Urban Keussen am Montag in Berlin. Denn wenn von Norden her so viel Windstrom in die Leitungen fließt, müssen anderswo Kraftwerke gedrosselt werden. Wieder anderswo müssen sie anspringen, um die Stabilität des Netzes zu gewährleisten. An solchen Wochenenden schlägt die Stunde der Netzbetreiber, insgesamt 4800 Megawatt Leistung mussten bundesweit umgeschichtet werden. Allein im Tennet-Netz entstanden so Kosten von 6 Millionen Euro - zu zahlen über die Netzentgelte von den Stromkunden.

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"Wir sind verdammt spät dran"

Doch die größeren Sturmtiefs sind politischer Natur, sie brauen sich erst zusammen. Tief Gabriel im Berliner Wirtschaftsministerium, Tief Horst in der Münchner Staatskanzlei. In München dürfte im Februar die Entscheidung fallen, in welchem Umfang Bayern dem Ausbau neuer Gleichstromtrassen zustimmen will. Von zwei gigantischen Leitungen wäre der Freistaat betroffen, so sieht es der deutsche Netzentwicklungsplan vor. Die eine von Sachsen-Anhalt in Richtung Augsburg - sie ist Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) ein ganz besonderer Dorn im Auge. Und die andere, "Suedlink", von der Nordsee nach Schweinfurt und dann weiter Richtung Baden-Württemberg. Tennet, neben Transnet BW einer der beiden Bauherren, nennt sie "die Hauptschlagader der Energiewende". Doch damit sie je pochen kann, müsste Bayern ihr zustimmen - nach einem erhitzten landesweiten "Energie-Dialog", der im Februar enden soll.

Windräder auf einem Feld bei Steinlah im Landkreis Wolfenbüttel in Niedersachsen. Am Wochenende haben sie besonders viel Energie erzeugt.

(Foto: Nico Pointner/dpa)

Schon im Dezember hatte Tennet die ersten Anträge für Suedlink bei der Bundesnetzagentur eingereicht. Ohne die Unterstützung bayerischer Behörden allerdings dürfte das Projekt zum Scheitern verurteilt sein. Künftige Orkantiefs würden dann noch teurere Umschichtungen im Netz erforderlich machen. Und für die Planung läuft Tennet schon jetzt die Zeit davon. "Wir sind verdammt spät dran", sagt Keussen. Denn die geplanten neuen Nord-Süd-Trassen sollen die Windenergie künftig in südliche Bundesländer transportieren. Sie werden spätestens dann gebraucht, wenn wegen des Atomausstiegs die letzten Kernkraftwerke in Süddeutschland vom Netz gehen.

Noch stürmischer könnte die Auseinandersetzung in Berlin werden. Dort will die Bundesregierung in diesem Jahr entscheiden, ob und wie sie in den Strommarkt eingreift, damit es auch künftig immer genug Strom gibt. Sollen Kraftwerke subventioniert werden? Soll es einen eigenen Markt für Kraftwerksleistung geben? Oder lässt sich das Problem auch durch eine staatlich verordnete Reserve lösen?

Auf Kosten der Stromkunden

Die Frage geht ans Herz der Energiewende. Seit immer mehr Ökostrom ins Netz fließt, rentieren sich konventionelle Kraftwerke immer weniger. Am stürmischen Samstag etwa wurde Strom für die Lieferung am Sonntag für gerade einmal 1,10 Euro je Megawattstunde gehandelt. An normalen Tagen liegt der Preis um die 30 Euro. Aber selbst zu diesem Preis können viele Kraftwerke ihr Geld nicht verdienen, schon wegen der Überkapazitäten am Markt. Die Folge sind Stilllegungen.

Vor allem die Kraftwerksbetreiber liebäugeln deshalb mit speziellen "Kapazitätsmärkten". Diese könnten den Kraftwerken eine zusätzliche Einnahmequelle verschaffen, eine Art Entlohnung für Betriebsbereitschaft. Der Vorteil: Selbst in einer plötzlichen Windflaute gäbe es genügend Elektrizität. Der Nachteil: Es blüht ein neues Subventionssystem auf Kosten der Stromkunden. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) nennt es gern "Hartz-IV für alte Kraftwerke". Und im Unterschied zum echten Hartz IV hält er von diesem herzlich wenig. Es geht um Milliarden.

Schon wittert auch Tennet seine Chance. Am Montag stellte die Bayreuther Netzfirma ihr eigenes Konzept vor, ein "Fangnetz". Es bestünde aus einer überschaubaren Zahl an Kraftwerken und käme dann zum Tragen, wenn ein Händler Stromlieferungen zugesagt hat, die er nicht einhalten kann. Er müsste auch zahlen, wenn deshalb das Fangnetz einspringen muss. "Dadurch entsteht der Anreiz, es möglichst nicht zu verwenden", so Keussen. In der übrigen Zeit würde sich der Netzbetreiber um die Fangnetz-Meiler kümmern. Die Kosten dafür, im Jahr rund 90 Millionen Euro, trüge die werte Stromkundschaft.