Energiewende Deutschlands Stromnetze in Not

Der Netzausbau kommt nur schleppend voran. Die Netzbetreiber müssen deshalb deutlich häufiger eingreifen, um die Stabilität zu sichern.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
  • Die Netzbetreiber müssen deutlich häufiger ins Stromnetz eingreifen, um die Versorgung sicherzustellen.
  • Das macht sich auch bei den Stromkunden bemerkbar. Die Netzbetreiber haben die Gebühren zuletzt deutlich erhöht.
Von Jan Schmidbauer

Deutschlands Netzbetreiber müssen immer häufiger ins Stromnetz eingreifen, um Ausfälle zu verhindern. Das zeigen Daten des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Es gebe einen "massiven Anstieg" der Eingriffe, der zeige, "wie sehr das Stromnetz unter Stress steht", sagte BDEW-Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer dem Handelsblatt. Im Januar und Februar dieses Jahres betrug das Volumen der Eingriffe bereits 63 Prozent im Vergleich zum gesamten Umfang des Vorjahres.

Deutschland hat ein Problem mit seinen Stromnetzen. Diese sollen eigentlich zügig ausgebaut werden, um Energie aus Windrädern und Solaranlagen durchs Land transportieren zu können. Die geplanten Strom-Autobahnen sollen vor allem Energie aus norddeutschen Windrädern in den Süden bringen. Doch der Ausbau stockt. Neben dem politischen Streit um den Ausbau der Netze sorgen auch die langwierigen Genehmigungsverfahren und Bürgerproteste für Verzögerungen beim Bau der neuen Leitungen.

Dabei werden die Strom-Autobahnen dringend gebraucht. Immer mehr Strom wird von Erneuerbaren produziert, statt von Kohle- oder Gaskraftwerken. Das ist gut fürs Klima, stellt aber neue Anforderungen an die Netze. Wenn etwa bei Sonnenschein und starkem Wind Solarzellen und Windräder, aber auch herkömmliche Kraftwerke mit hoher Leistung laufen, muss der Netzbetreiber eingreifen und Anlagen herunterregeln. Dreht das Wetter, kann es aber auch sein, das sogenannte Reserve-Kraftwerke einspringen müssen. Um das Netz stabil zu halten, müssen die Übertragungsnetzbetreiber in solchen Fällen eingreifen.

Die Eingreife machen den Strom teurer

Den schnellen Anstieg dieser sogenannten "Redispatch"-Maßnahmen merken auch die Stromkunden - und zwar auf ihrer Rechnung. Windräder und Solaranlagen können zwar abgeschaltet werden, wenn ihr Strom nicht gebraucht wird. Die Betreiber erhalten allerdings eine garantierte Vergütung. Ähnlich ist es bei den Kraftwerken. Manche Anlage, die eigentlich kaum noch gebraucht wird, müssen Energieversorger als Reserve vorhalten. Auch das macht den Strom für Verbraucher und Industrie teurer.

Wegen der vielen Eingriffe ins Netz hatten die Übertragungsnetzbetreiber, die für den Betrieb der großen Stromtrassen zuständig sind, ihre Netzentgelte bereits kräftig erhöht. Das Unternehmen Tennet, in dessen Gebiet besonders oft ins Netz eingegriffen werden muss, hatte die Gebühren um 80 Prozent angezogen. Für einen Drei-Personen-Haushalt bedeutet dies Mehrkosten von etwa 30 Euro im Jahr.

Die dringend benötigten Trassen sollen eigentlich im Jahr 2022 fertig sein. Dann gehen auch die letzten Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Diese stehen vor allem im Süden. Die neuen Leitungen sollen dann Windenergie aus dem Norden nach Süddeutschland bringen und die fehlende Leistung ausgleichen. Doch bereits im vergangenen Juni wurde bekannt, dass der anvisierte Zeitraum wohl nicht eingehalten werden kann. Laut Bundesnetzagentur wird ein Teil der neuen Strom-Autobahnen wohl erst im Jahr 2025 fertig.

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