Energiereserven Wie lange reicht das Öl noch?

Seit Jahrzehnten wird diskutiert, wann der Welt das Öl ausgeht. Doch die Angaben zu den vorhandenen Ölreserven schwanken überraschend stark. Woran liegt das?

Von Jan Willmroth

Wie kann es sein, dass das Ölangebot in nur wenigen Jahren rasant wächst, obwohl es doch immer hieß, der Rohstoff im Boden sei begrenzt, das Ölzeitalter gehe zu Ende, irgendwann werde das Öl knapp, unbezahlbar und zu einer Gefahr für den Weltfrieden? Bislang ist dieses Schreckensszenario nicht eingetreten. Die weltweit förderbare Menge an Öl ist sogar gestiegen.

Zuletzt schnellte sie dank unkonventioneller Ölvorkommen wie den kanadischen Ölsanden oder dem Schieferöl in den USA, wegen verbesserter Ausbeute in alten Ölfeldern und immer tieferen Bohrungen auf hoher See nach oben. Noch im Jahr 1980 lag die gesicherte Menge an förderbarem Öl bei etwas mehr als 683 Milliarden Barrel (ein Fass = ca. 159 Liter). Zwischen 1980 und 2013 wurden aber mehr als 883 Milliarden Fass produziert. Trotzdem liegt die heute förderbare Menge laut dem Jahresbericht des Ölkonzerns BP bei gut 1,68 Billionen Barrel. Mit Nachfrage, Preisen und technischem Fortschritt stieg auch das Öl-Angebot. Und weil es zuletzt sogar stärker zunahm als die Nachfrage, verfiel sein Preis.

Wie lange reicht das Öl nun noch? Das fragten sich schon viele, bevor Öl zum wichtigsten Rohstoff der Welt wurde. Immer wieder machten die Geologen Vorhersagen, immer wieder lagen sie daneben. Denn um die Frage zu beantworten, muss man erstens wissen, wie viel Öl sich in der Erdkruste verbirgt, das sind in der Fachsprache die Ressourcen. Selbst heute, zu einer Zeit, in der fast alle konventionellen Ölquellen bekannt sein dürften, werden noch viele unentdeckte Vorkommen vermutet. Die zweite wichtige Menge sind die Reserven, also alles, was man mit der heute verfügbaren Technologie wirtschaftlich fördern kann. Weil sich Technologien und Preise aber ändern, variieren auch die Reserven.

Die berühmteste Vorhersage stammt von Marion King Hubbert, der nach dem Zweiten Weltkrieg für den Shell-Konzern als Geologe arbeitete und 1956 die "Peak Oil"-Theorie erdachte. Er schaute sich die Förderrate einzelner Ölfelder in den USA an, die immer dem gleichen Muster zu folgen schien: Zunächst steigt sie, erreicht nach einiger Zeit einen Höhepunkt und sinkt dann immer weiter. Eine glockenförmige Kurve. Wenn das bei jedem Ölfeld so ist, muss es auch für die gesamte Förderung gelten, dachte er. Hubbert hatte vorausgesagt, die Förderung der USA werde spätestens von 1970 an sinken. Das tat sie auch. Aber dann stieg die Ölproduktion allein von 2009 bis Sommer 2014 um mehr als zwei Drittel. Hubbert hatte nicht geahnt, dass es je technologisch und wirtschaftlich möglich sein würde, im Schiefergestein eingeschlossenes Öl zu fördern und zu verarbeiten. Die Vorkommen waren zwar lange bekannt, aber die frühen Versuche, sie anzuzapfen, waren so aufwendig und teuer, dass sich die Ausbeutung nicht lohnte. Das Gleiche gilt heute für die womöglich größten Ölvorkommen der Welt nahe den Rocky Mountains. Dort lagert Ölschiefer, ein schwarzes Gestein, das Kerogen enthält. In Millionen Jahren würde daraus Öl. Schon versuchen Unternehmen herauszufinden, wie sich dieser Prozess beschleunigen ließe. Der technische Fortschritt macht auch heute immer mehr Öl zugänglich. Mehr, als der Planet Erde verträgt.