Energiepolitik Trumps nächster Kampf

Blick vom Black Mountain im US-Bundesstaat Kentucky. Kohle spielt im Strommix der USA eine immer geringere Rolle.

(Foto: Luke Sharrett/Bloomberg)

Der US-Präsident will die Kohle als Energieträger neu beleben. Derweil aber wird ein Kraftwerk nach dem anderen geschlossen - die Anlagen sind unrentabel.

Von Kathrin Werner, New York

Noch ragen die drei Schlote in den Himmel, noch steigt Rauch aus ihnen empor. Das Kohlekraftwerk Centralia ist das größte des US-Bundesstaates Washington. Seit 1971 erzeugt es Strom für die Westküste der USA, beständig und gleichmäßig. Gleichzeitig produzierte es über Jahre hinweg zehn Prozent der Treibhausgase Washingtons, so viel wie 1,75 Millionen Autos, bis der Energieversorger Transalta in modernere Säuberungstechnik für die Schlote investierte.

All das ist bald vorbei. Spätestens 2025 wird die Anlage geschlossen, Teile davon fahren schon 2020 herunter. Anstelle des alten Kohlekraftwerks soll dann eine vier Quadratkilometer große Solaranlage Strom für Washington erzeugen. Wo früher Arbeiter Kohle aus der anliegenden Mine schürften, ernten bald Solarpaneele die Sonne. Keine 25 Kilometer entfernt entsteht gerade ein neuer Windpark.

Die Energie-Landschaft der USA ändert sich rasant. Und das hat mit einer Person nichts zu tun: Donald Trump. Der Präsident, der sich gern als Freund der Bergarbeiter präsentiert, glaubt, dass Jobs in die Minen seines Land zurückkehren, wenn er nur die Regeln zum Klimaschutz wieder rückgängig macht, die sein Vorgänger Barack Obama eingeführt hat. Trump will den Clean Power Plan überarbeiten lassen, den Plan zum Abbau der Treibhausgase um 32 Prozent bis 2030 gegenüber 2005. Aus dem Pariser Klimavertrag sollen die USA austreten.

Trump hat versprochen, den "War on Coal" zu beenden, den Krieg gegen die Kohle, den Obama und die Demokratische Partei angeblich angezettelt haben. Das Problem ist nur, dass - wenn man den Kampfbegriff verwenden will - fast die gesamte US-Wirtschaft inzwischen "Krieg gegen die Kohle" führt, inklusive sogar der meisten Energiekonzerne.

Seit 2010 haben 40 Prozent aller Kohlekraftwerke der USA geschlossen, selbst unter Kohle-Freund Trump war es eines alle 15 Tage. Ein Stromkonzern nach dem anderen verkündet Schließungen, die Anlagen lohnen sich einfach nicht - ganz abgesehen von Umwelt- und Klimaschäden. Der Anteil von Kohle im Strommix der USA ist rapide gesunken, im vergangenen Jahr waren es nur noch rund 30 Prozent. Vor zehn Jahren hatte die Kohle einen Anteil von50 Prozent. Heute hat Erdgas überholt. Es sieht ganz so aus, als würde der amerikanische Präsident, der mit seinem Handelskrieg gerade daran arbeitet, die Regeln der freien Märkte außer Kraft zu setzen, in der Energiepolitik gegen die Marktwirtschaft verlieren.

"Es geht nicht darum, ob wir unsere Kohlekraftwerke in den Ruhestand schicken, sondern nur darum, wann", sagte Ben Fowke, der Chef des Energieversorgers Xcel Energy, vor Kurzem auf einer Branchenkonferenz. Noch am gleichen Tag gab das Unternehmen bekannt, dass es zwei Kohlekraftwerke in Colorado stilllegen und Tausende Megawatt erneuerbare Energien und Erdgas bauen wird. Das sei einfach billiger. Selbst im Kohle-Staat Kentucky schließen die Anlagen, Owensboro zum Beispiel im Jahr 2020. Der Stromversorger Consumers Energy aus Michigan kündigte an, dass er spätestens 2040 kohlefrei sein wird. "In der Vergangenheit glaubten die Menschen, dass wir zwischen bezahlbarer und sauberer Energie wählen müssen", sagte Konzernchefin Patti Poppe. "Wir glauben nicht an diese Wahl zwischen zwei Übeln. Unsere Verpflichtung ist es, unser Ziel zu erreichen und unsere Preise erschwinglich zu halten."

Den Atomkraftwerken ergeht es nicht besser. Seit 2013 sind sechs Reaktoren vom Netz gegangen. Elf weitere werden bis 2015 schließen. Mehr als ein Viertel der 66 Kernkraftwerke der USA verdienen nicht genug Geld, um ihre Betriebskosten zu decken, hat die Recherchefirma Bloomberg New Energy Finance berechnet, die weitere "Frühpensionierungen" erwartet. Viele Menschen befürchten allerdings, dass dann die CO2-Emissionen steigen. Atomstrom gilt für viele Amerikaner als sauberer Strom. Ersetzt würde er vor allem durch Erdgasanlagen. Gas produzieren die USA seit dem Fracking-Boom in großen Mengen, was die Preise seit Jahren drückt.

Die US-Regierung arbeitet gerade an einem noch sehr nebulösen Rettungsplan für Kohle- und Kernkraftwerke. Anfang Juni befahl Trump seinem Energieminister Rick Perry, "sofortige Schritte vorzubereiten", um weitere Schließungen zu verhindern. Ein an die Presse durchgesickertes internes Memo aus dem Weißen Haus zeigt, dass die Regierung einen drastischen Eingriff in den US-Strommarkt in Betracht zieht. Das Energieministerium könnte laut Memo den Betreibern von Stromnetzen vorschreiben, Strom zu überdurchschnittlichen Preisen von bestimmten gefährdeten Kohle- und Kernkraftwerken zu kaufen statt des billigeren Stroms aus Gaskraftwerken. Die Trump-Regierung argumentiert, dass es wichtig sei für die nationale Sicherheit, weiter einen hohen Teil von Atom- und Kohleenergie zu haben, weil diese durch die gleichmäßige Erzeugung die Stromnetze stabilisiere, besonders bei Naturkatastrophen oder Cyber-Angriffen.

Selbst weite Teile der Energiebranche glauben nicht an den Trump-Rettungsplan. Hinter ihm stecken laut Medienberichten einige Betreiber von Atomkraftwerken und Robert Murray, ein großer Spender für den Trump-Wahlkampf und Kohlemineneigentümer. Die Solar- und Windindustrie protestiert und bekommt dabei Unterstützung von den Öl- und Gaskonzernen - also einem Teil des mächtigsten Wirtschaftszweigs der USA überhaupt. Sie drohen mit Klagen. Auch die Stromkunden sind gegen die Markteingriffe zu Gunsten der teureren Energieträger, schließlich würden sie ihre Stromkosten erhöhen. Apple zum Beispiel macht sich gegen die Pläne stark. Ob die Regierung auf sie hört, ist unklar. "Die Wirtschaftlichkeit ist aus meiner Sicht zweitrangig", sagte Energieminister Perry vor Kurzem mit Blick auf die Netzstabilität. "Es drohen einige wirklich chaotische Ereignisse im Land. Es ist die Aufgabe des Energieministeriums, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht."

Die Kohlekraftwerk-Betreiber ändern jedenfalls ihre Schließungspläne bislang nicht. Oft geht das auch gar nicht, weil die Zeitpläne über Jahre hinweg mit lokalen Behörden, Umweltgruppen, Anwohnern und Kunden ausgehandelt wurden. Stattdessen bauen die Unternehmen lieber Solaranlagen und Windräder, die immer billiger und von vielen Bundesstaaten subventioniert werden. Den Erneuerbaren und vor allem dem Niedergang der Kohle ist es zu verdanken, dass die CO2-Emissionen der USA seit 2005 um 27 Prozent gesunken sind. Der Bundesstaat Washington will den Ausstoß binnen zwei Jahren auf das Niveau von 1990 drücken - die Solaranlage auf dem Gelände des Kohlekraftwerks mit den drei Schloten soll dabei helfen.